Am 12. März dieses Jahres wurde Eva Maria Mariotti zu lebenslänglichem Zuchthaus wegen gemeinschaftlichen Mordes und besonders schweren Raubes verurteilt. Die Urteilsbegründung stützte sich zum überwiegenden Teil auf die Aussagen Sterbas, des Hörigen, der freiwillig und um der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen nach Hamburg gekommen war, freiwillig länger blieb als gebeten (es hätte ja sein können, daß man seinen Haß gegen Eva Mariotti noch einmal bestätigt haben wollte), der schnell nebenbei die schriftstellerischen Rechte an seinem Leben verkaufte, das Photo seiner zahntechnischen Verlobten vorzeigte, Tonbandaufnahmen machte und mit den Worten abging: „Kein Mitleid“ („Spiegel“, Nr. 12/64).

Der Hexenprozeß 1964 hat sein Ende gefunden. Zwar hat die Verteidigung Revision eingelegt, aber wie auch immer diese Geschichte enden mag, für Eva Mariotti ist sie zu Ende. Männermoral und die Eifersucht der Häßlichkeit konnten am Tage der Urteilsverkündung ihre makabre Befriedigung finden: Eva Mariotti war gebrochen, armselig, ihres Geistes und ihrer Glieder nicht mehr Herr. Unfähig zu gehen, zu stehen, zu sitzen, zu weinen, schien sie, da ihre Natur es besser mit ihr meinte als das Leben, in Trance versunken.

Der Gerechtigkeitsfanatiker Sterba konnte beruhigt nach Mährisch-Ostrau zum Bierabfüllen zurückkehren. Schwer wird es ihn angekommen sein, auf das Schlußphoto zu verzichten: Er, stattlich, proper, wohlonduliert trotz gelegentlicher Geheimratsecken, im hellen Einreiher, dunkler Brille, in Ehren verlobt, gesettelt; neben ihm die Frau, die sich vor 18 Jahren nichts aus ihm machte und die jetzt aussieht wie 65. Wie sich die Zeiten ändern

„Und siehe, der Mangel an Beweisen dafür, daß Frau Klein gemordet hat, ward reichlich wettgemacht durch den Überfluß an Beweisen für ihren unsittlichen Lebenswandel“ – man hat wenig Veranlassung, diese Kraussche Feststellung aus dem Jahre 1905 im Jahre 1964 nach den Fällen Rohrbach, Brühne und Mariotti zu korrigieren. Damit soll nicht behauptet werden, Vera Brühne und Eva Mariotti seien als Unschuldige verurteilt worden. Aber sie wurden verurteilt nach Prozessen, in denen gar manches, das, um mit Adorno zu reden, „mit dem Mord in keinem plausiblen Zusammenhang stand“, eine wichtige Rolle spielte. Alte Vorurteile kamen zu neuen Ehren.

Im Zweifelsfalle gegen die Frau, besonders, wenn sie „unsympathisch“ ist, das heißt: nicht schielt, keine Hühnerbrust hat und keinen dünnen Knoten. Die Feindesmacht gegen sie ist unübersehbar. Auf die Aversion der Geschlechtsgenossinnen kann sie sich fest verlassen (Amerikas Schauanwalt Belli weiß, warum er in einem Prozeß, den er für eine Frau führt, keine Frauen als Geschworene duldet). Aber auch auf das andere Geschlecht. Es rächt sich für sein ungesund gutes oder lästig schlechtes Gewissen. Je nachdem.

Schöne Frauen sind zu allem fähig. Sie sind für alles verantwortlich. Sollen sie büßen. Für ihre Schönheit. Für das, was sie damit anrichten. Und für das, was sie damit nicht anrichten.