Erich Fromm: Das Menschenbild bei Marx. Mit den wichtigsten Teilen der Frühschriften von Karl Marx. Europäische Verlags-Anstalt, Frankfurt; 228 Seiten, 9,80 DM.

Um Karl Marx war es nach dem Krieg im westlichen Verlagswesen still geworden. Zu sehr hatte die sowjetische Wirklichkeit seine Lehre bloßgestellt. Inzwischen hat man begriffen, daß die sowjetische Auslegung von Marx sein Bild gefälscht hat, und man kann wieder unbefangen an die machtvolle geistige Erscheinung herantreten, die Kurt Breysig vor vierzig Jahren einmal "Kaiser Marx" genannt hat. Die Diskussion ist in vollem Gange. Einen wichtigen Beitrag dazu liefert das Buch von Fromm, nicht zuletzt auch für breitere Kreise, die bei der Lektüre betroffen feststellen werden, welchen Irrtümern sie sich ausgeliefert hatten, als sie der vulgären Deutung von Marx erlegen waren.

Fromm reinigt das Bild. Zwei seiner wichtigsten Entdeckungen (oder Wiederentdeckungen) seien hier kurz genannt: Mit einiger Ironie stellt er fest, daß die gängige Beschreibung des historischen Materialismus haargenau auf die gegenwärtige kapitalistische Gesellschaft des Westens zutrifft. Konformität hat die Individualität ausgelöscht. Der historische Marx hat nicht gelehrt, das stärkste psychologische Motiv des Menschen sei das Streben nach Geld und materieller Bequemlichkeit; historischer Materialismus bedeutet vielmehr, daß die Weise, in der der Mensch produziert, sein Denken und Wünschen bestimmt.

Marx’ entscheidende Kritik des Kapitalismus trifft nicht die ungerechte Verteilung des Reichtums, sondern die Verkehrung der Arbeit in erzwungene, entfremdete, sinnlose Arbeit, die Verwandlung des Menschen in eine verkrüppelte Monstrosität. Der Staat als Kapitalist, wie in der Sowjetunion, wäre Marx nicht willkommener gewesen als der Privatkapitalist. Wie Kierkegaard ging es Marx um die Erlösung des Individuums. Er wollte die Versklavung des Menschen – des Arbeiters und des Kapitalisten – durch Dinge aufheben, die sie selbst vollbringen.

Marx-Kenner mögen bitte dazu nicht bemerken, dies sei nicht neu. Für Millionen von Menschen, die über Marx jeden Tag lesen, seinen Namen jeden Tag nennen (und meist verfluchen), sind diese Tatsachen durchaus neu. Sie können sie abrunden und vertiefen bei der Lektüre von einigen psychologischen Schriften, die beigefügt sind, und durch Berichte von Freunden über den Menschen Marx. Das Buch ist einer der wichtigsten Schlüssel zur Erkenntnis von Marx. K.K.