... aber die Ärzte müssen zeitgemäße Honorare erhalten

Von Hanns Meenzen

Für die Dauer seines Urlaubs übergab ein Kassenarzt seinen Sprechstundenhilfen 1100 blanko unterschriebene Rezeptformulare und einen Arbeitsplan, wonach alle gängigen Rezepturen wiederholt und die laufenden Injektionskuren abgeschlossen werden dürften. Die Sprechstundenhilfen füllten während seiner Abwesenheit 400 Blankorezepte aus und gaben sie den Patienten. Sie nahmen auch selbständig Injektionen – auch intravenöser Art – vor. Diese Leistungen wurden als Arztleistungen abgerechnet. Außerdem füllten die Sprechstundenhilfen Arbeitsunfähigkeits- und ähnliche Bescheinigungen auf blanko unterschriebenen Formularen aus ..." Das "Berliner Ärzteblatt" kommentiert diesen Vorgang, indem es dem Urteil des Bundessozialgerichts zustimmt, wonach diesem Arzt die kassenärztliche Zulassung wegen gröblicher Verletzung der kassenärztlichen Pflichten entzogen worden ist.

Die Handlungsweise dieses Arztes mag eine Ausnahme sein; dennoch wirft der Vorgang ein Schlaglicht auf die Situation der Ärzteschaft. Kann man im Alltag der Sprechzimmer noch von ärztlicher Kunst sprechen oder ist es überwiegend Routine? Sind die Leistungen des Arztes unterhonoriert oder angesichts ihrer "Delegierbarkeit" sogar überhonoriert? Die Antwort muß lauten, daß beides richtig ist und eben deswegen das Ansehen des Arztes gelitten hat – wenngleich kaum in der breiten Masse der Patienten.

Ein Arzt hat laut amtlicher Gebührenordnung (der aus dem Jahre 1896 stammenden und zuletzt 1957 erhöhten Preugo) einen Anspruch auf 3,20 DM für eine "eingehende Untersuchung". Ein Preis, für den kein Schuhmacher besohlen würde. Ein Arzt verdient gleichwohl bei durchschnittlichem Können so viel, daß man selbst in der Hochburg der ärztlichen Standespolitik, der Bundesärztekammer, nicht zu behaupten wagt, sein Einkommen sei nicht angemessen. Man muß daraus den Schluß ziehen, daß auch die ärztlichen Verrichtungen einer "Inflation" unterliegen, daß nicht alles eingehend ist, was als "eingehend" rubriziert wird, und daß die Summe der Routineleistungen die Masse des Honorars einbringt.

Aufbesserung um 44 v.H. gefordert

Der in den vergangenen Monaten zeitweilig dramatisch akzentuierte Streit zwischen Krankenkassen und Ärzten über eine lineare Aufbesserung der amtlichen Gebührensätze um 44 Prozent hat hier seinen Ursprung. Und nach Lage der Dinge kann es nicht verwundern, wenn ein Bonner Ministerium dem anderen den Schwarzen Peter der Entscheidung zuspielt.