R. B., Berlin, im April

Wie kaum anders zu erwarten war, verlief das letzte Gespräch zwischen dem Leiter der Interzonenhandels-Treuhandstelle, Kurt Leopold und dem DDR-Hauptabteilungsleiter Heinz Behrendt ergebnislos. Der Ostberliner Beauftragte hatte, im Namen seines Verkehrsministers Krämer, verlangt, daß zum Wiederaufbau der Autobahnbrücke über die Saale bei Töpen auf der Strecke Berlin–Nürnberg ein Vertrag mit der Unterschrift des Bonner Verkehrsministers Seebohm abgeschlossen werden müßte. Leopold lehnte dieses Ansinnen ab. Er erinnerte Behrendt daran, daß der Aufbau der Brücke zwischen den "Währungsgebieten" – und nicht zwischen den Regierungen – vereinbart worden sei und zu den Vorbedingungen für die 1960 beschlossene Fortsetzung des Interzonenhandels gehörte. Zwischen der damals protokollierten Übereinkunft und ihrer Verwirklichung könne auch drei Jahre später kein Unterschied gemacht werden. Gerade darauf aber wollte Behrendt seinen Verhandlungspartner in der vergangenen Woche festlegen.

Nachdem sich Leopold auf dieses Manöver nicht eingelassen hatte, fiel es dem DDR-Bevollmächtigten schwer, den anderen Sonderwunsch seiner Regierung vorzutragen: die Lieferung von 400 000 Tonnen Stickstoffdüngemittel im Werte von 320 bis 350 Millionen Verrechnungseinheiten, aufgeteilt auf vier Jahre. Leopold fragte, mit welchen Mitteln die Währungsgebiete Ost diese Bezüge kompensieren wollten und ob dadurch nicht der vertraglich abgemachte Rahmen des Interzonenhandels gesprengt würde. Dieser Rahmen wird durch die Unterkonten eins und zwei bestimmt. Über das Konto eins pflegen Ost und West die großen Positionen abzuwickeln – die DDR ihre Lieferungen von Braunkohle und Mineralölprodukten, die Bundesrepublik Stahl und Eisen. Düngemittel zählen zu Unterkonto zwei.

Die DDR wolle, so schlug Behrendt vor, Braunkohle und Mineralöle weiter liefern, auf ein weiteres Kontingent an Stahl und Eisen verzichten und statt dessen Düngemittel beziehen. Das wäre nur möglich, wenn das DDR-Guthaben, erworben durch Braunkohle und Mineralöle, von Konto eins auf zwei übertragen würde, und gerade das lehnte Leopold ab. Er bestand auf den vertraglich festgelegten Gegenkäufen, auf Stahl und Eisen.

Die DDR-Regierung muß sich nun entscheiden, ob sie für den Bezug von Düngemitteln aus der Bundesrepublik Kredite in Anspruch nehmen will. Sie stünden zur Verfügung, sind aber in dieser Höhe ohne andere Gegenleistungen nicht denkbar. So wird die wirtschaftliche Frage zu einem politischen Problem. Ist der Bedarf des Ostblocks so groß, daß demgegenüber Prestigefragen keine Rolle mehr spielen? Selbstverständliche Voraussetzung für eine Kreditlieferung von Düngemitteln ist und bleibt zudem, daß die Autobahnbrücke bei Töpen gebaut wird, und zwar ohne zusätzliche Unterschrift.