Von Klaus Bölling

Die Moskauer haben neulich die Leistungen deutscher Artisten beklatscht. Die Hamburger, Düsseldorfer und Kölner ließen sich vor Jahr und Tag von russischen Volkstanz-Gruppen begeistern. In der Sowjetunion werden Heinrich Heine und Heinrich Böll gelesen und in der Bundesrepublik kennt man von der sowjetischen Literatur mehr als nur die Namen von Jewtuschenko und Pasternak. Das fruchtet nicht viel. Die politischen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und uns sind miserabel.

Daß Erhards Brief an Chruschtschow mit einem Lieferwagen zum Kreml befördert wurde, mag der deutschen Botschaft als peinliches Versehen durchgehen. Ein Zufall war es nicht. In Paris wären selbst die Argoud-Noten nicht versehentlich mit einem Kleinbus der Botschaft ausgefahren worden. Botschafter Hans Kroll mag ein diplomatischer Exzentriker gewesen sein, in einem hatte er zu jeder Zeit recht: man muß in Moskau etwas tun. Diplomatische Beziehungen unterhält man nicht zum Spaß. Wir unterhalten sie seit geraumer Zeit nur noch zum gegenseitigen Mißvergnügen.

Über das Verhältnis zwischen den Russen und uns tiefer nachzudenken, hat Konrad Adenauer niemals für lohnend gehalten. Die Rapallo-Empfindlichkeiten der Verbündeten waren ihm heilig. Einwand: haben die Russen nicht brutal offen zu verstehen gegeben, daß die deutsche Teilung sie kalt läßt? Richtig! Doch nicht ihnen, sondern uns bläst der Wind ins Gesicht. Wir müssen mit den Sowjets reden und den Sowjets sollte es wichtig sein, mit uns zu reden.

Ende 1961 nannte die "Prawda" die Verbesserungen der deutsch-sowjetischen Beziehungen eine Forderung der Zeit. In einem dem deutschen Botschafter formlos überreichten Memorandum der Sowjetregierung hieß der erste Satz: "Die Sowjetunion und die Bundesrepublik Deutschland sind die größten Staaten Europas." Die Bonner Antwort vom Februar 1962, eine ebenso ehrliche wie politisch durchdachte Antwort, wurde in Moskau zu den Akten gelegt.

In der neuesten Nummer des "Kommunist", der theoretischen Zeitschrift des Zentralkomitees der KPdSU, hat sich der "Prawda"-Kommentator und Deutschland-Kenner Pavel Naumov um eine Analyse der Bundesrepublik nach dem Kanzlerwechsel bemüht. Er schreibt über die "Alarmstimmung in Bonn und über das Suchen nach neuen Wegen" und zitiert in einem langen Artikel aus Karl Hermann Flachs "Erhards schwerer Weg", aus den "Lebensfragen deutscher Politik" von Karl Jaspers und aus meinem Buch "Die zweite Republik".

Naumov ist einige Zeit als Korrespondent seiner Zeitung in Bonn gewesen und er hat seit der Rückkehr nach Moskau wohl nicht aufgehört, die deutsche Szene zu beobachten. Doch mit wie geringem Gewinn für sich selber, für die Leser des "Kommunist" und für die Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Denn der von dem prominenten sowjetischen Journalisten bevorzugte Stil der Auseinandersetzung läßt kaum hoffen, daß es in absehbarer Zeit zu einem fruchtbaren Gespräch kommen wird. Daß Naumov die Bücher von Flach und mir auf solche Stellen hin gelesen hat, die ihm geeignet scheinen, seine Thesen zu stützen, ist ihm nicht zu verdenken. Das ist nicht "typisch sowjetisch". Ich weiß von Pavel Naumov nur, daß er als einer der besten Leute des politischen Journalismus in Moskau gilt. Auch gute Leute haben ihre schwachen Tage.