Wenn wir uns Persönlichkeit als ein großes, komplexes, idiosynkratisches, subtiles, sensitives, dynamisches, evolutionäres, ganzheitliches, versatiles symbolverarbeitendes System vorstellen, dann ist nicht einzusehen, warum wir nicht einen mit den gleichen Charakter-Eigenschaften ausgestatteten Computer benutzen sollten, um die Psyche des Menschen zu studieren."

Von diesem Gedanken geht der Psychiater Dr. Kenneth Mark Colby aus, der im Märzheft von "Archives of General Psychiatry" ein "neurotisches" Rechengerät beschreibt, das einer elektronischen Psychotherapie unterzogen wird. "Das ganze steckt freilich noch in den Kinderschuhen", betont der Professor von der Stanford Universität (Kalifornien).

Immerhin, der Pseudo-Patient, ein IBM 7090-Gerät, verfügt über ein Vokabular von 257 Wörtern, Substantiva und Verben, mit denen der Programmierer 105 verschiedene "beliefs", also Einbildungen und Ansichten – etwa abergläubische Zwangsvorstellungen, fixe Ideen oder Vorurteile –, formulieren, zu psychischen Komplexen zusammenfassen und in der Maschine manifestieren kann. So entsteht das Modell eines Neurotikers.

Wenn jetzt der Psychiater eine Aussage oder Frage formuliert – die dabei benutzte Computersprache heißt SUBALGOL – die mit einigen "beliefs" eines Komplexes nicht in Einklang zu bringen ist, dann können zwei Reaktionen eintreten: Widerspricht der Satz zu vielen "vorgefaßten Meinungen", dann gibt der Apparat ein Warnsignal "Angst". Sind dagegen nur wenige "beliefs" erschüttert, so modifiziert die Maschine die Aussage so lange, bis sie sich einigermaßen mit dem Komplex verträgt. Im ersten Fall muß der Psychiater selbst eine verträglichere Formulierung seines Satzes finden, damit die "Angst" schwindet; im zweiten wird die von der Maschine selbst abgeänderte Form der Aussage als neuer Bestandteil in den Komplex aufgenommen.

Der Sinn des Experimentes ist es, das Gefüge von Ansichten und Vorurteilen, das einen Komplex bildet, durch die Manifestierung zusätzlicher Meinungen "aufzuweichen". Der maschinelle Patient wird gewissermaßen toleranter, weil sich der erweiterte, in sich etwas mehr widersprüchliche Komplex nicht mehr ganz so leicht zur Auslösung von Angst provozieren läßt.

Im Gegensatz zum menschlichen Gehirn können in einem Elektronenrechner jederzeit bestimmte Gedächtnisinhalte gelöscht werden; eine ungeschickt gestellte Frage, die einen Konflikt hervorruft, läßt sich ungefragt machen. Darin sieht Colby eine mögliche Nutzanwendung seiner Resultate: "Bevor ein Arzt mit der psychotherapeutischen Behandlung beginnt, könnte er an einem Computer, der mit dem Komplexmuster des Patienten programmiert ist, ausprobieren, welche Fragen und Bemerkungen bei dem Kranken Konflikte hervorrufen und deshalb besser nicht gestellt werden sollten. Vielleicht läßt sich eine perfektionierte Form unseres noch sehr primitiven Programms auch zur Ausbildung von Psychotherapeuten verwenden", schreibt Professor Colby. "Vorerst aber kann noch niemand sagen, ob unsere Experimente überhaupt jemals zu klinisch verwendbaren Resultaten führen." Thomas von Randow