Von Peter Westphal

Eigentlich wollte ich Lugano zu einer Zeit erreichen, wo Hotelportiers unangemeldete Ankömmlinge noch nicht kritisch (was treibt der sich jetzt noch herum) oder mitleidig (alles besetzt) mustern. Aber der Uhrzeiger hatte Mitternacht schon überschritten, als vorm Scheinwerfer das Schild erschien à Lugano 15 km. Mir war nicht ganz wohl. Wo würde ich unterkommen? Freilich – noch hat die Saison ja nicht begonnen. Ich hielt vor einem Hotel, das in den Prospekten unter Luxusklasse rangiert. Es in ratsam, zu so später Nachtstunde solch ein Hotel zu betreten. Ich habe es nicht bereut.

Der freundliche Empfangschef bot mir ein Zimmer mit Bad und Seeblick und nannte auch gleich den Preis: 42 Franken. Sehr nett von ihm; denn manch einen bringt die Frage nach dem Preis in dieser Umgebung in Verlegenheit. Gut, dachte ich, 42 Franken, muß halt sein um diese Stunde. Da aber sagte der sympathische Mensch: "Sie können es auch billiger haben. Ich hätte da noch ein kleines Zimmer zum Hof für 13 Franken die Nacht." Gemacht. Und dieses "kleine Zimmer zum Hof" bot die Behaglichkeit einer erstklassigen Schiffskabine, klein, aber mit allem Komfort: eingebauter Schrank, Waschnische mit fließend kaltem und warmem Wasser, im Nachttisch eingebaut ein Radio. Rechnung am nächsten Morgen mit Frühstück und fünfzehn Prozent Bedienung: Achtzehn Franken und vierzig Rappen. Aufgerundet also zwanzig Franken – in einem sehr guten Hotel an der Seepromenade in Lugano.

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Der Empfangschef hatte es wirklich gut mit mir gemeint. Vom Zimmer mit Blick über’n See hätte ich nicht viel gehabt: Lugano lag in dichtem Nebel – enttäuschend für einen, der aus dem nebligen Hamburg auszog, den Frühling an der Schweizer Riviera zu suchen, in Lugano, welches verspricht, 2248 Sonnenstunden im Jahr zu haben, einer der sonnenreichsten Orte Mitteleuropas zu sein. Trotzdem braucht man in diesem idyllischen Städtchen nicht zu verzagen. Wallt auch der Nebel über See und Gassen, zu frösteln braucht man nicht, denn die Luft ist milde.

An so einem Tage fährt man am besten nach Castagnola zwischen Lugano und dem malerischen Gandria. Dort bietet nämlich die Pinakothek in der Villa Favorita Kunstfreunden einen seltenen Genuß: Gemälde von italienischen, spanischen, französischen, holländisch-flämischen und deutschen Meistern vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Hier hängen Werke von Carpaccio, Tizian, Rembrandt, van Eyk, Holbein, Dürer, Rubens, Murillo, Velasquez, Gainsborough, um nur die berühmtesten zu nennen. Ich hätte nicht gedacht, hier solchen Schätzen zu begegnen. Sie erschließen sich dem Touristen eigentlich nur, wenn Lugano einmal einen Nebelvorhang vor seine zauberhafte landschaftliche Umgebung zieht.

Indessen hält es den Nebel nicht lange. Kommt der felsige Katzenbuckel des Monte San Salvatore, des Wahrzeichens Luganos, wieder zum Vorschein, läßt auch die Sonne nicht mehr lange auf sich warten, und dann breitet sich vor dem Betrachter die Postkarten-Landschaft des Lago di Lugano aus. Lieblich anzuschaun. Wer aber weiß, daß nur wenige Meter abseits von dieser Urlaubs-Idylle einsame, zerklüftete Hochtäler in die Berge führen? Daß von den großen Tempelpfaden des Tourismus Straßen ans Ende der Welt führen, die auch heute noch kaum auf einer Autokarte eingetragen sind?