/ Von Werner Ross

Als ich den neuen Papstroman aufschlug, hatte ich gerade "Das Leben des Galilei" in der Muster-Inszenierung des Mailänder Piccolo Teatro hinter mir. Soeben hatte sich ein recht gemütlicher Kardinal, der lebte und leben ließ, in einer Art von liturgischem Ballett in einen feierlichen Fetisch verwandelt. Höchst eindrucksvoll – aber wahr? Auch Hochhuths Pius XII. geistert noch im Gedächtnis, eine heilige Marionette, ein gesalbter Manager. Ernster ging es in Raffalts "Nachfolger"-Drama zu: Da gab Gott zum Amt nicht nur den Verstand, sondern auch die Gnade. Bemerkenswert ist die Faszination, die von diesem letzten wirklichen Monarchen in einem Zeitalter erlöschender Autoritäten ausgeht. Höchste Verantwortung, höchster Appell, höchste Versuchung – das gibt heute mehr her als zu Schillers und noch zu Dostojewskis Zeiten, wo der Großinquisitor einfach die dunkle Macht im Hintergrund war, die Christum längst verraten hatte. Brecht war noch schlicht antiklerikal, aber Hochhuth, indem er ein Pamphlet gegen diesen einen Papst schreibt, hat genaue Vorstellungen davon, wie der Stellvertreter Christi eigentlich hätte handeln müssen. Die ungewöhnliche Wirkung, die von Pius’ Nachfolger ausstrahlte, hat seine Anklage stärker legitimiert als der historische Sachverhalt. Man ist also auf den nächsten Papst gespannt –

Morris L. West: "In den Schuhen des Fischers", Roman, aus dem Amerikanischen von Ursula von Wiese; Verlag Kurt Desch, München; 400 S., 17,50 DM.

Wests Papst heißt Kyrill I., hat siebzehn Jahre in sowjetischen Kerkern gesessen und bringt den Liebesgeist der frühen Kirche und des Ostchristentums mit in den Vatikan. Gleich nach der Wahl streift er im einfachen Priesterkleid durch das abendliche Rom und lernt eine junge Jüdin kennen, die den Glauben verloren hat, aber bei den römischen Armen Tatchristentum praktiziert. Kyrill steht aber auch im Briefwechsel mit dem russischen Diktator, der ihm in einer Haß-Freundschaft verbunden ist. Dieser Kamenew will das Beste für sein Volk – wenn bloß die Partei nicht wäre – und läßt sich gern durch Kyrill zu einem Entspannungsgespräch mit Amerika verlocken. Des besonderen Wohlwollens Seiner Heiligkeit erfreut sich ein Jesuitenpater namens Jean Télémond, der revolutionäre Theorien über den Kosmos entwickelt. Der gewitzte Leser hat es nicht schwer, ihn mit Teilhard de Chardin zu identifizieren, so wie im Henker und Helfer Kamenew Chruschtschow zu erkennen ist. Widerpart des Papstes ist der löwenmähnige Kardinal Leone; aber in einer großen und rührenden Versöhnungsszene vergeben am Ende auch der Papst der Liebe und der strenge Eiferer einander.

So herrscht Tugend allenthalben. Für ein bißchen Abwechslung sorgen zum Glück die Journalisten. Der Autor ist selber vom Handwerk und kennt offensichtlich aus römischen Tagen ihren leichtfertigen Ton und ihre Liebeleien. So wird der amerikanische Korrespondent George Faber in eine römische Intrige hineingezogen, man darf schnell einen Blick auf den Sumpf werfen, wo ein Minister üble Männerfreundschaften pflegt; aber auch George, von der Liebe enttäuscht, findet schließlich Trost – bei der hilfreichen Jüdin Ruth.

Edelkitsch? Kolportage? Die Inhaltsangabe spricht dafür. Tatsächlich handelt es sich um einen Bestseller, nein, um das ideale Bestseller-Rezept. Hier liegt Typus eins vor, der Erbauungs-Bestseller, der mit gerade soviel Sachverstand, Menschenbeobachtung, Humor, Ironie, Stilpräzision versetzt ist, daß die gröberen Grundbestandteile nicht mehr zu stark durchschmecken. Der hochgemute Optimismus, dem West huldigt, ist der gleiche, der Reader’s Digest und die Moralische Aufrüstung beflügelt. Die Peterskuppel im Hintergrund stammt aus Hollywoods Ateliers.

So hat Kyrill I. zwar ein schönes Wappen: Bär und Taube, mit der Inschrift "Ex Oriente lux", und einen schönen schwarzen Bart – aber keine Physiognomie. Man braucht seine Edelblässe nur gegen das lebenstrotzende Profil des wirklichen Johannes zu halten, um seiner Schwäche innezuwerden. Der "christliche Realismus", wenn man diese Wortprägung als Pendant zum "sozialistischen" wagen will, erweist sich als ebenso unzulänglich wie dieser, und ebenso unzulänglich wie der "antifaschistische", der den Papst als nickenden Fetisch oder abgefeimten Akteur zum Besten gibt. In der Tat, so schwer ist es nicht, einen spannenden Roman zu schreiben, der sich gut liest und zudem einen Blick hinter die Kulissen vatikanischer Geheimnisse tun läßt – aber wie schwer ist es, einen, Menschen zu machen, wie doppelt und dreifach schwer, einen guten!