Die unterschiedliche Ertragskraft der drei Großbanken läßt sich nicht an ihren Dividenden ablesen. Seit Jahren schütten sie 16 Prozent aus – und wenn nicht alles trügt, wird es auch für 1963 dabei bleiben. Die Commerzbank hat sich bereits auf 16 Prozent festgelegt. Die Deutsche Bank dürfte unbedingt bei diesem Satz bleiben, ebenfalls die Dresdner Bank, von der vor einigen Tagen noch behauptet worden war, sie würde einen Effektenbonus ausschütten, was aber von der Verwaltung nachdrücklich in Abrede gestellt worden ist. Natürlich hat die Dresdner Bank mit ihren von dem Bremer Holzhändler Krages übernommenen Paketen an der Gelsenkirchener Bergwerks-AG und an der Chemie-Verwaltung erhebliche Buchgewinne erzielt, bei Gelsenberg fast 100 Prozent, aber diese Gewinne sind noch nicht realisiert, also auch noch nicht versteuert, und es ist deshalb schwer vorstellbar, daß eine solide Verwaltung auf Gewinne, die sie noch nicht in der Kasse hat, einen Bonus verteilen würde. Es ist auch allgemein nicht die Art deutscher Banken, Sondergewinne auszuschütten Sie wandern in die offenen oder noch öfter in die stillen Reserven.

Aber zurück zur Commerzbank. Bei ihr war eine Kapitalerhöhung überfällig geworden, da der Anteil des ausgewiesenen Eigenkapitals an der Bilanzsumme von 9,3 Milliarden (+ 7,8 Prozent) auf 4,7 (4,9) Prozent zurückgefallen ist Ein Anteil von 5 Prozent gilt als international üblich. Eigentlich hätte es schon im vergangener. Jahr eine Erhöhung des Commerzbank-Kapitals geben müssen, aber im Frühjahr 1963 hat dies offensichtlich die damals noch recht labile Börsentendenz verhindert. Die Placierung junger Aktien wäre in jener Zeit vor allem deshalb schwierig gewesen, weil die Verwaltung von vornherein auf einen Ausgabekurs von über 100 Prozent Wert zu legen schien. Im Jahre 1959 wurde das Commerzbank-Aktienkapital im Verhältnis 5:1 zum Ausgabekurs von 200 Prozent, im Jahre 1961 im Verhältnis 10:1 zwar zum Ausgabekurs von 100 Prozent erhöht, aber damals wurde eine "Spitze" freihändig verkauft, aus deren Erlös den Rücklagen 11 Millionen zugeführt werden konnten. Praktisch lief dies auf einen Ausgabekurs von 155 Prozent hinaus. Nur daß 1961 ihn die Aktionäre nicht zu bezahlen brauchten, jedenfalls nicht direkt. Die Verwaltung tat vieles, um die jungen Aktien gut zu placieren, aber an der Börse war es zeitweise deutlich spürbar, daß der Markt der Commerzbank-Aktien breiter geworden war.

Nun werden Sie fragen, meine verehrten Leser, warum die Commerzbank im Gegensatz zu den anderen Großbanken ihre jungen Aktien bislang zu Kursen über 100 Prozent angeboten hat? Darauf gibt es eine einfache Antwort: In den vergangenen Jahren hat die Commerzbank ihr Geschäft betont forciert, auf vielen Gebieten hat sie aufholen müssen. Auf diese Weise ist ihr Geschäftsvolumen sehr viel rascher gewachsen als ihre Ertragskraft. Die gleiche Erscheinung gibt es zwar auch bei den anderen Banken, deren Mehrgeschäft oftmals nur zum Ausgleich der gestiegenen Unkosten ausreichte. Aber bei ihnen ist das Wachstum jedoch nicht so rasch vorangetrieben worden wie bei dem Düsseldorfer Institut. Die Deutsche Bank und die Dresdner Bank konnten deshalb auf überparitätische Ausgabekurse verzichten, weil ihnen die Ertragskraft die Möglichkeit ließ, die offenen Rücklagen aus den laufenden Gewinnen so zu stärken, daß die Bilanzrelationen auch so "in Ordnung" blieben.

Nun steht die Commerzbank mit ihren Ausgabekursen keineswegs allein da. Schweizer Banken begeben ihre jungen Aktien in der Regel über pari, außerdem sind sie noch zurückhaltender mit ihren Dividenden als die meisten deutschen Banken, deren Idealziel es immerhin ist, jeweils ein Drittel des Gewinnes in die offenen, ein Drittel in die stillen Reserven zu bringen und nur ein Drittel des Gewinnes auszuschütten. Aber auch deutsche Institute zögerten in der Vergangenheit nicht, junge Aktien zu hohen Kursen zu verkaufen (zum Beispiel Bayerische Hypotheken- und Wechselbank, Berliner Handels-Gesellschaft, Investitions- und Handelsbank).

Jede Kapitalerhöhung verbreitert jenen Teil des Eigenkapitals, der mit Dividenden zu bedienen ist. Da sich eine Bank aus optischen Gründen keine Dividendensenkung leisten kann (sie würde die Kundschaft beunruhigen), muß die Verwaltung einen Satz wählen, der auch in schweren Jahren durchgehalten werden kann. Das ist um so leichter, je höher der Anteil des nicht zu "verzinsenden" Eigenkapitals ist. Bei der Commerzbank beträgt das Grundkapital jetzt 200 Millionen, die versteuerten offenen Rücklagen 235 Millionen, das sind 15 Millionen mehr als im Vorjahr. Aber auf 200 Millionen wird nur eine Dividende verteilt. Selbst wenn man außer acht läßt, daß die Bank noch mit beträchtlichen stillen Reserven arbeitet, wird klar, daß die echte Verzinsung des Kapitals (beträchtlich) unter 8 Prozent liegt.

Nach der jetzt vorgeschlagenen Kapitalerhöhung wird der Eigenkapitalanteil an der Bilanzsumme 5,15 Prozent betragen, also nur wenig oberhalb der wünschenswerten Grenze liegen. Dazu Vorstandsmitglied Paul Lichtenberg: "Wir möchten uns den Anzug nicht größer schneidern als nötig. Deshalb die Kapitalerhöhung in kleinen und kleinsten Schritten!" Ich meine, daß es heute schon zu früh wäre, auf ein neues Bezugsrecht zu hoffen. Nur eine sehr stürmische Entwicklung würde bereits im nächsten Jahr wieder ein Bezugsrecht nötig machen. Der scharf rechnende Vorstand wird alles versuchen, um über eine entsprechende Erhöhung der offenen Rücklagen die gesunde Eigenkapitalrelation zu halten. Ein normales Bilanzwachstum vorausgesetzt, läßt eine neue Kapitalerhöhung erst für 1965 als notwendig erscheinen.

Aber bleiben wir bei den jetzt auszugebenden jungen Aktien. Aus meinen bisherigen Ausführungen werden Sie entnommen haben, daß die Kapitalerhöhung notwendig ist. Sie soll also nicht, wie es bei anderen Gesellschaften in der Vergangenheit manchmal der Fall war, ein "Geschenk" an die Aktionäre (anstatt einer höheren Dividende) darstellen. Das Geschäftsjahr 1963 der Commerzbank ist günstig verlaufen, der echte Gewinn wird um etwa 10 Prozent gestiegen sein. Aber ein drängender Anlaß, deshalb "Geschenke" zu verteilen, besteht nicht.