Wer an einer höheren Schule unseres Landessein Abitur bestanden hat, erhält die Bescheinigung darüber in Gestalt einer stattlichen Urkunde, an deren Kopf die Überschrift "Zeugnis der Reife" prangt.

Das genau geregelte Verfahren zur Feststellung, ob ein Kandidat sich des Anspruchs auf dieses Papier würdig erweist, heißt "Reifeprüfung".

Anspruchsvoller Name für einen Vorgang, der sich als organischer Abschluß eines Bildungsganges von neun Jahren Dauer erweisen soll.

Entspricht die Wirklichkeit der Benennung, führt das "Reifezeugnis" seinen gewichtigen Namen zu Recht?

Oft sind die frischgebackenen "Reiflinge" selbst kritisch und sprechen das Wort "Reife" in diesem Zusammenhang mit gedachten Anführungszeichen aus. Gar nicht zu reden von älteren Semestern oder approbierten Akademikern, die nicht selten kopfschüttelnd und nachsichtig lächelnd auf das Puppenstadium ihrer Entwicklung zurückschauen.

Was eigentlich kann die Reife, auf einen Oberprimaner vor und bei der Prüfung bezogen, bedeuten?

Zunächst einen formalen Inhalt: über einen Grundbestand an Wissen zu verfügen. Dann die Fähigkeit, sich mit diesem Material nach den Gesetzen der Logik gedanklich auseinanderzusetzen, in disziplinierter Denkweise die Fülle von Einzelerscheinungen in größere Zusammenhänge einzuordnen. Dazu gehört auch hinreichende Gewandtheit im Umgang mit der Muttersprache, also das Vermögen, einen schwierigen Sachverhalt verständlich wiederzugeben, mündlich oder schriftlich. Weiter die Fähigkeit und Neigung, über das sichtende und reihende Ordnen hinaus, Phänomene des geistigen Lebens auf sich einwirken zu lassen, und zwar nicht nur passiv aufnehmend, sondern mit kritischem Unterscheidungsvermögen.