Drei Aufzüge von Georges Schehadé

Landestheater Hannover (Ballhof)

Das Bühnenoeuvre des libanesischen Französisch-Lehrers aus Beirut ist nun vollständig in deutscher Sprache vorgestellt worden. Zwei Stücke Schehadés erfreuen sich bei uns sogar einer gewissen Beliebtheit: "Die Geschichte von Vasco" und "Die Reise". Wo sie Widerhall fanden, verdanken sie das auch einer Andeutung von Handlung, mehr noch der Prägekraft, mit der Hans Schalla in Bochum ("Vasco") und Günther Rennert in Stuttgart ("Die Reise") die lyrische Stimmung dieser Poesien auf der Bühne Gestalt werden ließen. Metaphorische Wortkaskaden allein tragen ein Stück so wenig wie – beim "absurden" Bruder des "poetischen" Theaters – die abendlange Häufung von Banalitäten. Deshalb blieb die verspätete deutschsprachige Erstaufführung des "Sprichwörterabend" (zehn Jahre nach der Uraufführung unter Barrault in Paris) diesseits der Schwelle, hinter der auch für Schwerverständliches spontane Wirkung zu erreichen wäre.

Der regieführende Bühnenbildner Jean-Pierre Ponnelle hatte die Szene und die Spielfiguren sicherlich richtig angelegt. Er drang jedoch nicht bis in das gestaltbildende Sprachzentrum von Schehades poetischen Visionen vor. So wurde eine entscheidende Dimension verfehlt. Ponnelle erreichte nicht jene atmosphärische Dichte, die er einem anderen seiner Landsleute für ein Gastspiel in Baden-Baden zu vermitteln verstanden hatte ("Les Caprices de Marianne von Musset). Die in Hannover irritierende Diskrepanz zwischen inszenatorischem Arrangement und einem Aufführungsergebnis, das nur stellenweise über ein Panoptikum von Chargen hinaus gelangte, legt den Verdacht nahe, daß Ponnelle diesem Schehadé innerlich zu fern steht. Aus dem historischen Romantiker Musset hatte der Regisseur eine modern gebrochene, distanzierte Ansicht von "Romantik" filtriert. Schehadé hingegen ist ein geradezu mystisch gläubiger Romantiker und als solcher ein erratischer Block in der zeitgenössischen Bühnenliteratur.

Was sich am Sprichwörterabend begibt, läßt sich erzählend nicht einmal skizzieren. Ein Sprichwort ist die gedrängteste Formel einer Weisheit. Durch den Gebrauch erkalten Sprichwörter zu probaten Formeln. In diesem Sinne versammelt sich im Hause zu den vier Diamanten eine Gesellschaft von Eingeweihten, deren jeder und alle gemeinsam einst eine Erleuchtung hatten. Aber der Schnee der "fünften Jahreszeit", das Symbol ihres Evangeliums, er fällt nicht mehr. Erst als ein junger Dichter in den Kreis der alt gewordenen Käuze einbricht und von seinem anderen Ich, dem Jäger Alexis, erschossen wird, begibt sich das Wunder von neuem. Es ist Gralslandschaft, in der Schehades Eingeweihte und Ausgeschlossene wandeln. Ponnelle rettete sich in Ausführlichkeit des zu langen Textes (fast drei Stunden!), da ihm ein dramaturgisches Spannungsfeld aufzubauen nicht gelingen wollte. Trotzdem wurden wenigstens Ansätze zu einer legitimen Bühnenwirkung sichtbar. Johannes Jacobi