In der vorvergangenen Woche, am 19. März, veranstaltete der Kongreß für die Freiheit der Kultur in München eine Podiumsdiskussion über den umstrittenen Aufsatz von Percy Ernst Schramm. Für die Leser, die den Beginn des Streites um Schramm nicht verfolgt haben, sei kurz wiederholt, worum es sich handelt: Schramm hat zu dem Buch "Hitlers Tischgespräche" (im Seewald Verlag, Stuttgart) einen einleitenden Aufsatz geschrieben, der in Fortsetzungen auch im "Spiegel" abgedruckt worden war. Schramm hatte darin Charakterzüge von Hitler erwähnt, die vielen Lesern neu waren, so seine Liebe zu Kindern und Blumen. Das hatte heftige Angriffe gegen Schramm zur Folge, dem vorgeworfen wurde, er verniedliche Hitler und sehe seine infernalischen Eigenschaften nicht. Diese Vorwürfe wurden zunächst in Leserbriefen gegen den "Spiegel" erhoben, dann in einem Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" von Albert Wucher in breiter Front vorgetragen. Der Rezensent ist anderer Meinung als Wucher, das hindert nicht die Feststellung, daß seine Argumente ernsthaft und sachlich fundiert sind.

In der Podiumsdiskussion nun (wie wir dem Bericht darüber in der "Süddeutschen Zeitung" vom 20. März aus der Feder von Wucher entnehmen) wurde Schramm vorgeworfen, er habe Belanglosigkeiten vorgetragen (zum Beispiel, daß Hitler sich selber rasiert und selten geschnitten habe). Bedeutsamer war die unbezweifelbare und unbezweifelte Feststellung von Albert Krausnick: "Die Disposition des deutschen Volkes zu Adolf Hitler hin ist wichtiger als er selber." Waldemar Besson stellte die entscheidende Frage: "Wie war es möglich, daß ein Volk von siebzig Millionen auf einen Deppen hereingefallen ist?" Hupka gab zu erwägen, ob Hitler so rätselhaft gewesen sei, daß man heute soviel Wesens um ihn mache. Es genüge, den Hitler wiederzuentdecken, als den er sich damals dargestellt habe.

Der "Hauptbeschuldigte" Percy Ernst Schramm erwiderte auf diese und andere Vorwürfe, sein Aufsatz sei eine wissenschaftliche Arbeit. Unter Wissenschaftlern aber sei es üblich, Bücher erst ganz zu lesen, bevor man sie kritisiere. Hätten seine Kritiker ihn gelesen, dann wüßten sie, daß er keine Biedermeierfigur gezeichnet habe. Dann wüßten sie auch: "Dieser Hitler konnte sich tarnen, konnte nett zu Kindern sein und alle möglichen Leute faszinieren." Mit Nachdruck sagte Schramm: "Er war kein Depp."

Später wurde die Befürchtung deutlich, ein entdämonisierter Hitler leiste der Entschuldigung und Rechtfertigung des Mitmachens Vorschub. Aber Hans-Bernd Gisevius sagte auch: "Der Überteufel, der alle hypnotisiert, verkörpert zugleich die Absolution."

Im weiteren Verlauf der Diskussion entfernte man sich von den Thesen Schramms und beschäftigte sich vornehmlich mit dem Versagen der Oberschicht, das Waldemar Besson das eigentlich erschütternde Erlebnis der Hitlerzeit nannte.

Die "Süddeutsche Zeitung" vom 21. März nahm das Diskussionsthema wieder auf und bemerkte (das folgende Zitat ist gekürzt): "Es war ein Unding, daß als einzige Alternative zu Schramms verniedlichendem Hitlerbild nur der Verbrecher Hitler galt und daß niemand erwähnte, was Hitler von Anfang an von der Legitimation zu geschichtlicher Größe ausschloß: sein Mangel an Respekt vor den Mitmenschen; sein Unvermögen zur Freude an der Auseinandersetzung; sein Mangel an Heiterkeit, Großmut, Selbstironie und Bescheidenheit."

Dies Charakterbild Hitlers ist richtig gezeichnet. Aber ist damit Hitler von der Legitimation zu geschichtlicher Größe ausgeschlossen? Was der Rezensent von Schramms Thesen hält, hat er bereits (in Nr. 7 der ZEIT) kurz dargelegt. Heute kann er sich damit begnügen, zu dem von der "Süddeutschen Zeitung" angeschnittenen Thema einen anderen Historiker zu zitieren. Karl Dietrich Erdmann schreibt in seinem Buch "Die Zeit der Weltkriege" (1959, Seite 184): "Kann man ihm (Hitler), der das Gewissen für eine jüdische Erfindung hielt, historische Größe zusprechen? Daß die weltgeschichtliche Persönlichkeit nicht mit normalen sittlichen Maßstäben gemessen werden könne, war eine Überzeugung Hegels, und Buckhardt stellte für die historische Größe eine Dispensation von dem gewöhnlichen Sittengesetz fest. Aber beiden stand hier nicht die Möglichkeit von baren Verbrechen vor Augen, wie sie Hitler gegenüber den Juden, gegenüber anderen Völkern und nicht zuletzt gegenüber dem deutschen Volke selbst verübte. Diese Feststellung darf nun allerdings nicht den Blick dafür verstellen, daß Hitler jenes erste Attribut, durch das Burckhardt die historische Größe bestimmte, gegeben ist, nämlich ‚der in einzelnen Individuen konzentrierten Weltbewegung‘."

Wir müssen es uns versagen, die weiteren höchst fesselnden Ausführungen Erdmanns über die historische Größe bei Hitler hier Punkt für Punkt zu wiederholen. Doch sei noch der Schlußsatz angeführt: "Die welthistorische Größe Hitlers, die das Denken verwirrte, um nach kurzen Jahren eines steilen Aufstiegs seiner Macht die Welt in Flammen zu setzen und mit seinem eigenen Sturz sein Volk mit hinabzureißen, ist diabolisch." – z