Von Werner Höfer

Gewiß hätte Adolph Kolping, der Gesellenvater, es sich nicht träumen lassen, daß in einem der Gesellenhäuser, die seinen Namen tragen, im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, an diesem Frühlingsabend die Bretter sich biegen unter dem "gleichen Schritt und Tritt". Indessen findet hier, nach Feierabend, alles andere als vormilitärische Ausbildung "im Saale statt". Vielmehr wird hier auf die denkbar zivilste Weise trainiert, in einer Sportart freilich, die nur im Saale stattfindet: Der Kölner Tanzklub Grün-Weiß ist angetreten zur letzten Übung vor dem ersten Meisterschaftskampf im Formationstanzen. Die Kölner Paare, acht an der Zahl, sind sich etwas schuldig, denn in ihren Reihen tanzen die alten und neuen Weltmeister Karl und Ursula Breuer.

Herr Meister und Frau Meisterin betätigen, sich als Lehrmeister, indem sie nicht so sehr zeigen, was sie können, als vielmehr das vormachen, was die anderen können müssen: Wie in einem Geleitzug das langsamste Schiff das Tempo bestimmt, so muß sich in dieser Tanzformation das beste Paar den weniger guten anpassen. "Die Breuers" können sich diesen Akt der Selbstlosigkeit und des Mannschaftsgeistes durchaus leisten. Entsagung und Hingabe blieben denn auch nicht unbelohnt: Die Kölner wurden – hinter den Hamburgern – zweite in dieser ersten Deutschen Meisterschaft im Formationstanz. Sie ließen die Teams aus Düsseldorf und München, aus Hannover und Bremen hinter sich.

Bei einem Turnier gehen die Paare mit wehenden Frackschößen. und rauschenden Tüllwolken an den Start. Jetzt, bei der letzten Trainingsrunde, sieht das alles weitaus bürgerlicher aus: Die Damen erscheinen im schlichten Rock und schmucklosen Pullover, die Herren in Hose und Hemd, wenn auch mit Schlips und Kragen. Was sie da, nach dem musikalischem Kommando eines Tonbandgerätes, exerzieren, ist choreographisch verfeinerter Gesellschaftstanz, wie einst bei Hofe.

Das sind also die besten Paare eines der erfolgreichsten Klubs des Landes! Sie sind offensichtlich mit Herz und Hirn bei einer Sache, die Hand und Fuß haben muß. Der Zaungast, nur dann bereit, ein Tänzchen zu wagen, wenn Lust und Laune ihn übermannen, betrachtet neidvoll diese Eliteformation, die wiederum einen Querschnitt durch die gesellschaftliche Schichtung der deutschen Tanzsportbewegung zu repräsentieren scheint. Die Damen und Herren gehören nun etwa nicht zu den "höheren Kreisen"; sie kommen samt und sonders aus dem gehobenen Bürgertum, aus dem Mittelstand. "Auf Bundesebene" stellen Ärzte und Anwälte das größte Kontingent derer, die sportliches Tanzen als ihr Steckenpferd erkoren haben.

Weil aber der Gesellschaftstanz, wie gut oder wie schlecht er auch dargeboten wird, eine ganz spezielle Form der menschlichen Begegnung darstellt, liegt die Frage nahe, wie nahe sich die Tanzenden stehen oder kommen. Ein Sprecher des Klubs versichert, sie seien entweder alle gut oder so gut wie verheiratet, denn ganz ohne wechselseitige Zuneigung und beiderseitiges Einverständnis geht die Chose nicht. Es sei weder wünschenswert noch zumutbar, daß – beispielsweise – eine Tänzerbraut Mauerblümchen spiele, während "er" sich mit einer anderen Partnerin im Tanze wiegt. Ausnahmen bestätigen freilich auch hier die Regel: Am Rande des Kolping-Tanzbodens sitzt eine junge Frau, die mit sichtlichem Sachverstand ein bestimmtes Paar verfolgt; da sie Mutterfreuden entgegensieht, muß ihr Mann – umständehalber mit einer Aushilfspartnerin die Lücke füllen.

In der Schenke sitzen, säuberlich, aber nicht feindselig getrennt, in der einen Ecke die Kolping-Brüder, um einen Geistlichen geschart, in der anderen Ecke die Tanzsportler, um ihr Meisterpaar versammelt. Niemand würde den Breuers auf den ersten Blick anmerken, daß sie mannigfache Welt-, Europa-, Deutschlandmeisterschaften an ihre Fersen heften konnten. Ursula Breuer ist auch, hinter ihrem Apfelsaft eine rassige Frau, der man anzusehen glaubt, daß vor zweitausend Jahren die Römer am Rhein nicht nur Fahrstuhl gefahren sind. Karl Breuer gibt jedem Mann, der glaubt, Bedeutendes nur erreichen zu können, wenn man bedeutend aussieht, sein Selbstbewußtsein wieder, denn er sieht so aus, wie hart arbeitende junge Männer auszusehen pflegen: normal, solide und ohne die Attitüde eines Playboys. Auch er trinkt alkoholfrei.