Kurt Tucholsky: Deutschland über alles. Faksimiledruck nach der im Neuen Deutschen Verlag 1929 erschienenen Ausgabe. Rowohlt Verlag, Reinbek; 232 Seiten, 28,– DM.

Die Tucholsky-Gemeinde in der Bundesrepublik ist so groß, daß der Verlag es wagen kann, ein nicht gerade billiges Buch originalgetreu wieder herauszugeben, das schon fünfunddreißig Jahre alt ist. Aber auch für diejenigen Staatsbürger, die nicht zu seiner Gemeinde gehören, ist es ein nützliches Buch: Der ganze Glanz leuchtet wieder, der diesen begabtesten aller deutschen Polemiker umgab, und das ganze Elend der Weimarer Republik steht wieder vor uns. Wenn wir noch nicht wußten, warum sie zugrunde gegangen ist – jetzt wissen wir es.

Wird Deutschland noch einmal einen Schriftsteller hervorbringen, der so bittere, aber auch so geistreiche, so treffsichere Satiren schreiben kann wie Tucholsky? In der Bundesrepublik gibt es gegenwärtig niemanden, der ihm gleichkäme, und in der Vergangenheit hat es außer Heine niemanden gegeben. (Maximilian Harden darf man dagegen überhaupt nicht nennen; er schrieb viel zu geschwollen, dumpf, gespreizt.) Bei Tucholsky federt und funkelt alles, ist dabei einfach und durchsichtig. Man spürt seinen Ehrgeiz – einen großartigen Ehrgeiz –, möglichst viele Arbeiter zu Lesern zu haben. Sein Wunsch ist freilich kaum erfüllt worden. Gelesen haben ihn vornehmlich die gleichen Leute, die ihn heute wieder lesen: Literaten wie er selber, einige – nicht viele – Politiker, Studenten, Ingenieure, Kaufleute, nur eine Minderzahl von Arbeitern.

Das Buch ist wie alles, was Tucholsky polemisch geschrieben hat, eine harte Anklage gegen die Welt der Weimarer Republik, ihre Minister, Abgeordneten, Offiziere, Richter, Polizisten und Kaufleute. Viele Leute haben damals ehrlich geglaubt, Tucholsky hasse Deutschland, er gehöre zu den "vaterlandslosen Gesellen". In einem fast rührenden Nachwort weist Tucholsky 1929 diesen Vorwurf zurück. "Nun haben wir auf 225 Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal sagen: Ja – zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland." Dann sagte er, der harte, der erbarmungslose Spötter, sein Herz spreche mit, wenn er von Deutschland spreche.

Schnell verteidigt er sich wieder gegen die Ansicht, die vielleicht aufkommen könnte, er wolle ein Patriot sein. Er denke gar nicht daran. Er liebe nur die Heimat, nicht das Vaterland. Das sind Haarspaltereien. Natürlich war er ein Patriot, wenn man nur dieses Wort richtig versteht, als Ausdruck einer herzlichen Zuneigung, die auf Exportgeschäfte und auf Macht in der Welt keinen Wert legt, die dafür dieses Land sauber und menschlich sehen und auf ein engeres Verhältnis der Führenden zum Geiste nicht verzichten will. Nur deshalb ist sie so ungeduldig und so fordernd und so erbittert. "Wir haben das Recht, dieses Land zu hassen – weil wir es lieben."

Sein (und unser) Unglück war es, daß er kein Maß mehr kannte in seinem Haß und seiner Bitterkeit. Er haßte Gemeinheit und Flachheit und Roheit, er wollte sie treffen, wo er sie fand, und am Ende sah er nur noch die Gemeinheit oder die Beschränktheit. Immer wieder die klassenbewußten Richter, immer wieder die säbelrasselnden Generale, immer wieder die beschränkten Abgeordneten, die raffenden Kaufleute, so als wenn es in Deutschland nichts anderes gegeben hätte. Die Wirklichkeit war verwickelter,’ und die Wirklichkeit hat Tucholsky nie gekannt.

Da ist das Kapitel über die Wilhelmstraße, das mit einer Photographie von Gustav Stresemann eingeleitet wird. Ein junger Mensch, der nichts von der Außenpolitik der Weimarer Zeit erfährt als die Tatsachen, die ihm dieses Buch mitteilt, hat folgendes Bild von der Wilhelmstraße: Botschafter brauchen Geld für Umzüge; was tun sie denn anderes als umziehen? Die Diplomaten verbrauchen den größten Teil ihrer Zeit, sich zum Frühstück zu verabreden und vor allem, gegen den Kollegen zu intrigieren. Die Minister haben nichts zu melden, das Amt gehört allein den Korpsstudenten, die dem großen Clan angehören, der auf das Volk pfeift, von dem sie nicht viel wissen. "Was andere mit Müh und Not zusammengestickt haben, das trennen die adligen Intriganten in ebenso mühevoller Arbeit wieder auf. Der Knäuel bunter Fäden, der übrig bleibt: das ist die deutsche Außenpolitik." Und: "Diese paar Häuser pfeifen auf das Volk. Sie brauchen es nur, wenn es gilt, in den Ackergräben zu verrecken, über die die Kanonen donnern."