Soll die Sowjetunion im Herbst ihr Stimmrecht in der Vollversammlung der Vereinten Nationen verlieren? Diese weltpolitisch schwerwiegende Frage beschäftigt zur Zeit die westlichen Diplomaten. Nach Artikel 19 der UN-Charta soll jedes Mitglied seiner Stimme verlustig gehen, das länger als zwei Jahre mit seinen Beiträgen im Verzug ist. Die Sowjetunion schuldet der Weltorganisation 210 Millionen Mark, di sie Beiträge für die UN-Truppen im Kongo und im Nahen Osten verweigert.

Beide Friedensaktionen wurden von der UN-Vollversammlung, nicht vom Weltsicherheitsrat beschlossen und werden deshalb von den Sowjets als illegal betrachtet. Der Internationale Gerichtshof im Haag hat jedoch in einem Gutachten die Sonderbeiträge für diese Unternehmen echten Mitgliedsbeiträgen gleichgesetzt.

Da die Sowjets durchblicken ließen, sie. würden den Verlust ihres Stimmrechts mit dem Auszug aus der UN beantworten, haben Washington und London einen Kompromiß angeboten, bei dem Moskau das Gesicht wahren könnte. Zwar sollen die Sowjets wenigstens 32 Millionen Mark nachzahlen, dafür wird ihnen aber zugestanden, daß künftige Friedensoperationen in erster Instanz vor den Weltsicherheitsrat gehören. Ein ständiges Komitee der Vollversammlung soll die Beiträge auf die einzelnen Mitglieder aufschlüsseln.

Sollte Moskau zustimmen oder sich durch eine freiwillige Spende loskaufen, so wäre die UN damit noch nicht aus ihrer Finanzkrise heraus, denn außer den Sowjets gibt es noch sechzig andere säumige Zahler. Die Operationen im Nahen Osten und im Kongo waren nur dank einer UN-Anleihe über 800 Millionen Mark möglich. Für rund 600 Millionen Mark Obligationen sind bisher verkauft, die meisten in die USA. Insgesamt stehen 544,4 Millionen Mark an Mitglieder-Beiträgen für die UN-Truppen noch aus.

Harte Strafen gegen die Schuldner wären politisch riskant, und zwar für Ost und West gleichermaßen. Mit der Sowjetunion würden im Herbst auch die Ukraine, Weißrußland, die CSR, Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien ihren Einfluß in der Vollversammlung einbüßen, also fast der ganze Ostblock. Im zweijährigen Zahlungsrückstand sind jedoch auch einige lateinamerikanische Staaten – Argentinien, Bolivien, Dominikanische Republik, Guatemala, Haiti, Paraguay und Uruguay –, deren Unterstützung Washington nicht gern verspielen möchte.

Noch prekärer für den Westen ist die Lage Nationalchinas, dessen Sitz in der UN ohnehin von Jahr zu Jahr mehr ins Wanken gerät. Es steht mit 57,6 Millionen Mark in der Kreide, Gleichfalls laufen Ägypten und der Jemen Gefahr, künftig von den Abstimmungen ausgeschlossen zu werden. Im nächsten Jahr wird mit 64,4 Millionen Mark Kongo-Schulden auf der Sündenbank sogar eine NATO-Macht erscheinen; Frankreich,