Von Hansjakob Stehle

Mit jenem ärgerlichen Grimm, den Politiker in Ost und West gleichermaßen für unbequeme Intellektuelle zur Hand zu haben pflegen, hat jetzt wieder einmal der polnische Parteichef Gomulka reagiert. Anlaß seiner Verstimmung war ein Memorandum, das 34 Persönlichkeiten des polnischen Kulturlebens an die Regierung gerichtet hatten. Antoni Slonimski, Altmeister der Lyrik, hatte es im Büro des Ministerpräsidenten Cyrankiewicz übergeben – was ihm besonderen Groll zuzog.

Die Denkschrift, auf deren Verfasser nun ganz oder teilweise der Bannstrahl fallen soll, forderte schlicht eine "Änderung der polnischen Kulturpolitik" im Geiste der Verfassungsrechte. Die Verfasser befürchten angesichts der chronischen Papierknappheit des Landes und des engstirnigen Verteilungsschlüssels der Kulturverwaltung, daß wichtige Werke polnischen Geistesschaffens nicht oder nicht in genügend hoher Auflage verbreitet werden; außerdem sind sie der Meinung, daß die Vorzensur (die in Polen als einzigem Land des Ostblocks als offizielle Institution im Staatshaushalt figuriert) die freie Diskussion, Kritik und Information gegenwärtig allzusehr einengt.

Zu den Unterzeichnern gehören berühmte Wissenschaftler wie der Einstein-Schüler Leopold Infeld (Krakau), der positivistische Philosoph und langjährige Präsident der Akademie der Wissenschaften Kotarbinski (Warschau), es gehören dazu Schriftsteller, die nahezu eine "nationale Einrichtung" Polens sind, wie Maria Dombrowska und Jerzy Andrzejewski, namhafte Kritiker wie der Shakespeare-Forscher Jan Rott und der katholische Abgeordnete Stefan Kisielewski, der gerade in der Osternummer der Wochenzeitung "Tygodnik powszechny" anzüglich kalauerte: "Warum ist es in Polen so kalt? Weil Eis herrscht..." (,,lód" = Eis und "lud" = Volk, werden im Polnischen gleich ausgesprochen). Dabei ist der Frost im polnischen Kulturleben mit dem etwa in der DDR gar nicht zu vergleichen.

Es gibt in Polen – anders als in der DDR – keine verbindliche, schematisch festgelegte und administrativ vollzogene Kulturpolitik der Partei, es gibt seit vielen Jahren keinen sozialistischen Realismus. Die Partei verkündet nur immer wieder von Zeit zu Zeit, was sie in Wort und Schrift nicht wünscht (und gibt dem mit dem Zensorenstift Ausdruck), was sie aber – positiv – will, vermag sie nicht zu formulieren, geschweige denn durchzusetzen. Die Folge ist, daß sich auf dem Untergrund eines vergleichsweise lebendigen, auch nach Westen geöffneten Kulturlebens langsam, aber stetig Resignation, Unlust und Müdigkeit ausbreiten. Eine schleichende Verödung, die gegenwärtig gleich weit vom Prager Frühling wie von den Ostberliner Abwehrschlachten halsstarriger Stalinisten entfernt ist.

Vielleicht ungeduldig geworden durch das, was aus Ostberlin, Prag, Budapest, ja, sogar aus Moskau an offenen Debatten herüberdringt, fand sich die kulturelle Prominenz Polens zusammen und schrieb das Memorandum. Wahrscheinlich wäre es nicht so schnell bekannt geworden, hätte nicht die Warschauer Polizei übereifrig den Journalisten Lipsky verhaftet (der angeblich das Memorandum verbreitete). Nach 24 Stunden mußte sie ihn wieder freilassen. Schließlich war nichts Strafwürdiges vorgefallen.

Immerhin zeigt all das, wie neuralgisch die Partei reagiert. Gomulka wünscht nichts mehr als Ruhe. Im unbequemen Schatten des sowjetisch-chinesischen Konflikts, der auch auf die Stimmung in der polnischen Partei einwirkt, bereitet Gomulka gegenwärtig seinen (schon seit Jahresfrist fälligen) Partei-Kongreß für den 15. Juni vor. Grundsatzdebatten oder Richtungsstreitigkeiten versucht er schon jetzt vorzubeugen, indem er alle Aufmerksamkeit auf Wirtschaftsfragen lenkt.