Göttingen

Im Göttinger Landgericht wartet man täglich auf Post aus Hamburg; man wartet auf ein Zusatzgutachten von Professor Büssow über den Untersuchungshäftling Michael Briegleb. Es fehlt auch noch ein Gutachten Göttinger Mediziner über den Tod des Oberstudienrats Kraus, um die Voruntersuchung im "Fall Briegleb" abschließen zu können. Wann das alles soweit sein wird, ist nicht vorauszusagen. Aber eines steht schon heute fest: das Urteil des Gerichts und damit das Schicksal Michael Brieglebs wird davon abhängen, wie die Sachverständigen seinen "Fall" beurteilen.

Du gehörst zum Täterkreis – also müssen wir zum Staatsanwalt gehen", sagte Landgerichtsrat Briegleb zu seinem Sohn Michael, der sich – 27 Jahre alt – Jurastudent nannte, obwohl er bis zu diesem Tage mit dem Studium der Rechte keinen großen Erfolg gehabt hatte. Einige Tage vor dieser väterlichen Aufforderung war der Oberstudienrat Adolf Kraus auf dem Bürgersteig vor dem Hauseingang zu seiner Wohnung im Rohnsweg 80 in Göttingen von mehreren Schüssen schwer verletzt worden. In der Bevölkerung war das Gerücht und bei der Kriminalpolizei der Verdacht aufgekommen, es müsse sich um einen Racheakt handeln: Kraus hatte sich nämlich schon öfter in seiner Schule über anonyme Anrufe mit Drohungen beklagt. So lag es nahe, auch den Schülerkreis um den Oberstudienrat in die Ermittlungen einzubeziehen. Michael Briegleb gehörte zu diesem Kreis; er saß bis 1957 vor Oberstudienrat Kraus auf der Schulbank.

Eine Belohnung in Höhe von 1000 DM hatte der Oberstaatsanwalt beim Landgericht Göttingen ausgesetzt, um einen jungen Mann mit schmalem, kantigem Gesicht zu finden, der 25 bis 30 Jahre alt, zwischen 1,70 m und 1,80 m groß sein und einen auffallend breitrandigen Hut tragen sollte. So beschrieben Passanten den Mann, der ihnen an jenem Abend in der Nähe des Tatortes aufgefallen war. Landgerichtsrat Briegleb bezog zwar seinen Sohn in den "Täterkreis" ein, erkannte jedoch nach dieser Personenbeschreibung nicht sein eigenes Kind. Er konnte auch in dieser Stunde noch nicht ahnen, daß er den gesuchten Täter aufforderte, mit ihm zur Strafverfolgungsbehörde zu gehen – denn Michael gab sich so, als sei er über den leisesten Verdacht erhaben. Er hatte ja auch das beste Alibi; er war zur Tatzeit in der elterlichen Wohnung gewesen. Daß Michael aus dem Fenster gestiegen war und die Wohnung verlassen hatte, erfuhr der Vater erst viel später.

Es erinnerte sich auch niemand mehr daran, was Michael Briegleb vorgebracht hatte, als er sich vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts in Braunschweig am 30. September 1958 dafür verantworten mußte, daß er sich als Autoknacker betätigt hatte. Und nicht nur das: mit einem der gestohlenen Wagen war er von Göttingen nach Braunschweig gefahren, hatte dort die Schaufensterscheibe eines Waffengeschäfts eingeschlagen und zwei Pistolen entwendet. Bei der Haussuchung war später alles gefunden worden, nicht nur die zwei amerikanischen Smith- und Wesson-Trommelrevolver, auch eine schwarze Gesichtsmaske und Einbruchswerkzeuge.

Doch in der Hauptverhandlung war es nicht nur um die Diebstähle, sondern mehr noch um den Geisteszustand des Jurastudenten gegangen. Der Sachverständige Professor Dr. Kloos kam nämlich zu der Überzeugung, daß Michael Briegleb zur Zeit der Taten "wegen krankhafter Störung der Geistestätigkeit unfähig war, das Unerlaubte seines Tuns einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln". Was Michael selbst den Richtern erzählte, schien das zu bestätigen. Er habe eine "eigene philosophische Theorie" entwickelt, sagte er, die darin bestehe, daß er "zur Bestätigung seiner eigenen Person", um "vor sich selbst bestehen" und um die "Überlegenheit eines souveränen Kopfes" beweisen zu können, geglaubt habe, "das Böse bestehen zu müssen, ohne ihm zu verfallen". Das Böse habe er dabei im "Ausführen einer strafbaren Handlung gesehen". Alles, was bisher geschehen sei, nämlich die Übung, Kraftfahrzeuge zu stehlen und sich Waffen zu beschaffen, habe jedoch nur der Vorbereitung der in Aussicht genommenen "großen Tat" gedient.

Das Urteil der Richter in Braunschweig sprach auch von einem "Schlüsselerlebnis", das Michael Briegleb zu dieser merkwürdigen Art der "Bewährung" getrieben habe; dieses "Schlüsselerlebnis" sei die Zurückstellung vom Abitur gewesen. Das hätte er als eine ungeheure und ihn innerlich beinahe vernichtende Niederlage angesehen.