Kraus erlebte es in unzähligen Prozessen mit, wie Frauen behandelt wurden, besser: mißhandelt wurden. Man war zu seinen Lebzeiten etwas differenzierter in seinen Vorurteilen als im Jahre 1487, konzentrierte den Verdacht, der dem ganzen Geschlecht gegolten hatte, jetzt mehr auf Frauen, die "unsympathisch" waren.

Dieser erstaunliche juristische Vorwurf fiel wie von selbst bei Frauen, die Männer zu ihrem Bekanntenkreis zählten, sich gut kleideten oder auffallend schön waren. Eine solche Frau war allzu leicht schon vor dem Urteil verurteilt, ihr durfte man die unverschämtesten (mit dem Prozeß durchaus nicht zusammenhängenden) Fragen stellen, sie lächerlich machen und beschimpfen, und Kraus kam nicht von ungefähr zu der Feststellung: "Ist’s nicht das Halali der Hetzjagd auf die schöne Frau? Männermoral und die Eifersucht der Häßlichkeit sind hinter ihr her."

Nie wieder ist die männlich-christliche Moral in ihrer Mischung aus Unduldsamkeit und schlechtem Gewissen so entlarvt worden wie durch eine Kraussche Wortspielerei: "Wir sagen Geliebte und sehen die Höhe des Pathos nicht mehr, aus der dies Wort in die Niederungen der Ironie gelangt ist – tief unter die geachtete Mittellage der Ungeliebten. Der Sprachgeist will’s, daß die Geliebte eine Gefallene sei. Aber wenn Frauen, die geliebt wurden, ‚Gestiegene‘ hießen, unsere Kultur würde bald auch diesen Namen mit der Klammer des Hohns umfangen."

Der Fall Maria Rohrbach

Am 19. 4. 1958 verurteilte das Schwurgericht Münster die 28jährige Maria Rohrbach wegen Mordes an ihrem sechzehn Jahre älteren Mann zu lebenslänglichem Zuchthaus. In einem fünfwöchigen Prozeß waren 136 Zeugen und sechs Sachverständige aufgetreten. Maria Rohrbach hatte, wie es in der Urteilsbegründung hieß, ihren Mann, mit dem sie in "zerrütteter Ehe" lebte, brutal getötet, "um ihren sexuellen Neigungen besser nachgehen zu können" ("Süddeutsche Zeitung", 19. 4. 58).

Sie hatte, so wollte es der Indizienbeweis, den Mann langsam vergiftet, dann erschlagen, dann hersagt, die Glieder in einen See geworfen und den Kopf im heimischen Herd verheizt.

Ein zufällig allzu trockener Sommer, der den angeblich verheizten Kopf in den Blickwinkel eines zufällig spazierengehenden Rentners brachte, veranlaßte die zufällige Wiederaufnahme des Prozesses. Das wissenschaftlich fundierte Gutachten eines Professors, das der Theorie des durchs Ofenrohr gejagten Kopfes zum Siege verholfen hatte, enthielt nach Ansicht eines anderen Gutachters "soviel Fehler und ... soviel Unterlassungen und Unwissenheit..., daß es in den Augen der Wissenschaft keinerlei Beweiskraft besitzt" ("Spiegel", 21. 6. 62).