Jedes Jahr bekommt das deutsche Benehmen mehr Schliff. Im letzten Jahr erfuhr der Bundesbürger, daß das Rauchen einer Tabakspfeife in den Salons der Bundesrepublik gesellschaftsfähig geworden sei. Die deutschen Tanzlehrer, die sich alljährlich in Bad Kissingen der guten Sitten annehmen, sprachen sich damals für Smoking und Pfeife aus und nahmen damit gleichsam die Resultate des amerikanischen Raucherreports vorweg. In einer Art gesellschaftlichen tour d’ horizont stellten die, die alles über die guten Sitten wissen, fest, daß man nicht umhinkomme, der Jugend zu bescheinigen, ihre Sitten seien nicht verroht, womit den Soziologen und Kriminalisten, die doch immer von einer Verderbnis der Jugend sprechen und warnend ihre Zeigefinger heben, wenn die Rede auf die Jugendkriminalität kommt, das Gegenteil bewiesen ist. Schließlich müssen es die Tanzlehrer wissen. Sie wissen auch, daß Damen, ob alt und jung, immer noch Ritterlichkeit zu schätzen wissen und dies als einen "wertvollen Zug" des Mannes betrachten.

Sind die allgemeinen Sitten also noch nicht verroht – die Eßsitten scheinen es zu sein, denn die Tanzlehrer bemängeln, daß allenthalben zu hastig gekaut werde, um nicht zu sagen: geschlungen. Ganz übel stehe es aber mit der Handhabung von Messer und Gabel. Die Zeigefinger schöben sich zu weit vor, so als ob man Schmiedewerkzeug handhabe; beim Ablegen desBestecks während des Essens würden Messer und Gabel gegen den Tellerrand oder sogar ganz auf das Tischtuch gelegt!

Weder höfische noch gute Sitten"‚ empörten sich die Tanzlehrer. Doch in einem waren sie sich nicht ganz einig, nämlich ob Kartoffelklöße mit einem Messer zerschnitten werden dürfen oder, wie von den Vorderen übernommen, mit der Gabel zerteilt werden müssen. Der Kartoffelkloß wurde zum Zankapfel. Wenn man schon Spargel zerschneiden dürfe, darf man erst recht den Kloß mit der Klinge vierteilen, meinten die einen, und andere sekundierten: "Wo es doch die feinen nichtrostenden Messer gibt."

"Ja, aber", bewiesen die anderen, die Kartoffel müsse die Soße binden, und gestatte man, sie zu zerschneiden, so tue man Generationen von Köchen einen Tort an, die ja ihre Soßenrezepte auf eine harmonische Geschmacksverbindung mit der Kartoffel abgestimmt hätten. Also, es bleibt dabei: der Knödel wird nur von der Gabel berührt. Die Tanzlehrer müssen es wissen. Sie wissen aber auch zu bemängeln, daß die Weingläser zunehmend nicht am Stiel, sondern am Kelch gehalten werden. Weingläser, so erinnern sie, seien doch keine Bierhumpen. Wenn die Tanzlehrer nun auch noch jenen ungezügelten Gästen eine sanfte Rüge erteilen, die sich gegenüber der Bedienung barsch verhalten, so ist ihnen gastronomischer Beifall sicher.

Am deutschen Benehmen kann also vorläufig die Welt noch nicht genesen. Falls Adolf von Knigge im Grabe rotiert, wenn er vernimmt, was seine Tanzschritte lehrenden Nachfahren so alles zu rügen haben, so wird er sich gewiß wieder beruhigen. Denn es soll endlich ein internationaler Fachausschuß für Umgangsformen gebildet werden, der auf weltweiter Ebene postuliert, was sich gehört. H v K