Eine zierliche Dame aus Peking mit Namen Kuo-Tschen war es, die jüngst in Algier die Erinnerung an Tschu En-lais Good-will-Reise durch Afrika und sein Bekenntnis zur "friedlichen Koexistenz" verscheuchte. Wer auf das tröstliche "Wir-sind-gar-nicht-so!" des rotchinesischen Regierungschefs übertriebene Hoffnungen gesetzt und an eine grundsätzliche Änderung der Außenpolitik Pekings geglaubt hatte, sah sich in der letzten Woche bitter enttäuscht: Auf der afro-asiatischen Solidaritätskonferenz in Algier verwarf Madame Kuo Tschen die jüngsten Vorschläge Chruschtschows zur friedlichen Regelung territorialer Streitfragen und verdächtigte die russische Entwicklungshilfe imperialistischer Absichten. Jedes Land, welches den Moskauer Abrüstungsthesen zustimme, erniedrige sich damit zum Komplizen der (weißen) imperialistischen Aggression. Denn, so suggerierte die chinesische Delegationsführerin ihren Zuhörern aus fast 70 afrikanischen und asiatischen Staaten, bewaffnete Unterdrückung fordere bewaffneten Widerstand heraus. Und das Feuer dieses Aufstandes müsse überall, in Mozambique und Angola, Portugiesisch-Guinea und Südafrika, entfacht und geschürt werden.

Solidarität hin, Solidarität her – die Russen waren nicht gesonnen, diese massiven Anklagen widerspruchslos einzustecken. Mit schwerem Kaliber feuerten sie zurück: Den an den Kreml gerichteten Vorwurf der Komplizenschaft mit dem Westen brandmarkte der sowjetische Delegationschef Gavurow als "ungeheuerliche Verleumdung", die roten Mandarine als "politisch gewissenlose Rassisten".

Die streitenden sozialistischen Brüder ließen nicht mehr voneinander ab. Ihr Gegensatz legte sich wie ein düsterer Schatten über die Konferenz und die afro-asiatische Völkersolidarität. Selbst Ben Bellas matte Empfehlung an die Duellanten, ihren ideologischen Zwist doch anderswo auszutragen, fruchtete nichts. Nicht allein vor dem Plenum, auch in den Kommissionen strapazierten Russen und Chinesen die algerische Gastfreundschaft. Statt auf die hochgestochenen Unterstützungsforderungen Ben Bellas einzugehen, der bei der Eröffnung der Konferenz mit rhetorischer Equilibristik Jugoslawien, China und die Sowjetunion gefeiert und sich in den vordersten Rang der schemenhaften Dritten Welt geschoben hatte, statt sich mit den Vorschlägen und Sorgen der farbigen Konferenzteilnehmer zu beschäftigen, trugen die beiden sozialistischen Rivalen zum wachsenden Verdruß der Zuhörer nur ihre eigenen Differenzen aus.

Warum haben die Chinesen in Algier die mühsam aufgebaute Solidaritätskulisse mit ihrer Frontalattacke rücksichtslos umgeworfen? Sie wollten wahrscheinlich die Erwartungen der radikalsten Freunde aus ihrer Klientel nicht enttäuschen, vor allem aber die Sowjets aus der afro-asiatischen Solidarität aussperren. Daß sich diese mit virtuoser Zungenakrobatik in die farbige "Völkerfamilie" einzuschmeicheln versuchten, war nur zu offenkundig. Dem durften die Chinesen nicht tatenlos zusehen. Jeder Prestigegewinn Moskaus wäre zu Lasten der Pekinger Führungsposition gegangen. Lieber das ganze Instrument zerstören, als es dem Konkurrenten überlassen.

Die Solidaritäts-Organisation ist nach der Zwischenfällen von Algier nicht völlig aus der Fugen geraten. Eine Einigung ist noch einmal, gleichsam in letzter Minute, zustandegekommen – auf dem Boden gemeinsamer Ressentiment! aller Beteiligten gegenüber den "Kolonialisten und Neokolonialisten, Imperialisten und Neoimperialisten" politischer und ökonomischer Prägung – um im Jargon der Kongreßresolution zu bleiben. Die Kluft aber innerhalb des sozialistischen Systems ist dennoch größer geworden. Dadurch wird die Lage auch für die Neutralisten immer schwieriger. Sie sind nun wider Willen mitten in das Spannungsfeld des chinesisch-sowjetischen Gegensatzes geraten und müssen hinfort nicht nur zwischen Ost und West lavieren, sondern auch noch zwischen der Pekinger und Moskauer Position die goldene Mitte zu halten versuchen. Rolf R. Bigler