Heller als je zuvor strahlt Abdel Nassers Sonne. Gewichen sind die Schatten des Bruderzwistes mit Jordanien und Saudi-Arabien, verwunden ist mittlerweile auch die Verbitterung über den Zusammenbruch der Föderation mit Syrien. Ägyptens Staatschef, versöhnt mit König Hussein und dem Herrscherhaus in Riad, umworben gleichermaßen von den Sowjets und den Amerikanern, kann sich nunmehr wieder als Arabiens großer Führer feiern lassen – ohne diesmal als Phantast und Heißsporn verlacht zu werden.

Stets war Nasser der "starke Mann" am Nii, auch als all seine Blütenträume von einem "arabischen Großreich", von der "Vernichtung" Israels, von der "Zerschlagung" der Baathisten nicht reiften. Nun aber, da er sich – einsichtiger geworden und maßvoller – mit dem Heute begnügt, ohne gleich das Morgen zu erobern, lassen selbst manche seiner verschworenen Widersacher von ihrem Argwohn gegen den "Diktator" ab: Hussein war in Kairo, zeigte sich bereit, jordanische Truppen dem arabischen Oberkommando zu unterstellen, ägyptische Soldaten in seinem zu stationieren. Premier Feisal von Saudi-Arabien, der andere Antisozialist im arabischen Lager, trifft sich noch in diesem Monat mit Nasser, um alte Fehden zu begraben und über ein honoriges Ende des jemenitischen Krieges zu beraten. Doch damit ist die Liste der außenpolitischen Erfolge des ägyptischen Präsidenten noch nicht beendet.

Nach Tschu En-lai macht nun auch der sowjetische Regierungschef dem Ägypter seine Aufwartung. Im Herbst werden sich die Führer der blockfreien Staaten zu ihrer zweiten Gipfelkonferenz in Kairos Mauern zusammenfinden. Niemand im arabischen Raum, es sei denn die syrischen Baathisten, schon gar nicht aber die Politiker in Ost und West, versagen Nasser heute die Anerkennung als Repräsentant der nahöstlichen Hemisphäre. Selbst das Zerwürfnis mit Damaskus, die Querelen im Jemen vermögen seinen Ruhm nicht zu schmälern. Die Macht, die er nun fest in Händen hält, kann ihm wohl kaum noch jemand ernsthaft streitig machen.

Solch außenpolitischer Prestige-Zuwachs erlaubt es Nasser, in der Innenpolitik einige Zugeständnisse zu machen. So schaffte er das seit langer Zeit geltende Kriegsrecht ab, öffnete für viele Kommunisten die Gefängnistore, löste den Präsidentschaftsrat der Revolutionsoffiziere auf und scheint sogar willens zu sein, den Wissenschaftlern und Journalisten mehr Freiheiten einzuräumen. Auch Ägypten, das kürzlich zu einem "sozialistischen Staat" proklamiert wurde, soll attraktiver werden – für jene zumal, die in dem Glauben befangen sind, es handele sich noch immer eher um eine Diktatur arabischer Provenienz.

Unangetastet bleibt freilich trotz solcher Lockerungen und institutioneller Neuerungen die Stellung des Präsidenten. Nasser ist nach wie vor Ägyptens ungekrönter König, der allein entscheidet, doch hat er sich endlich einen Kronprinzen erwählt: seinen alten Kampfgefährten und treuesten Berater, Abdul Hakim Amer, den er zum "Ersten Stellvertreter des Präsidenten" ernannte. Von anderen Mitstreitern aus den Tagen der Rebellion aber sagte sich Nasser los. Bogdadi, der einst das Offiziersregime organisierte, mußte aus dem Kabinett ausscheiden. Dafür hat sich neben den Militärs, deren Einfluß im Staatsapparat ungeschmälert blieb, eine neue Kaste von Regierungsfunktionären etabliert, auf die Nasser große Hoffnungen setzt: die Technokraten.

Gemeinsam mit den Offizieren sollen sie dem Sozialismus nach Kairoer Muster von nun an das Gepräge geben. Denn mehr noch als auf dem weiten Feld der Außenpolitik muß Nasser in den eigenen vier Wänden dafür sorgen, daß sein arabischer Sozialismus auf die Dauer lebensfähig ist und eine Zukunft hat – auch für seine vorerst noch skeptischen Nachbarn. D. St.