Von W. Jessen

Großvater hätte auf die Frage, was er denn unter einem "Gag" (gesprochen: Geg) verstünde, zweifellos geantwortet: "einen Stutzer". Darunter dürften seine Enkel hinwiederum nur noch das verstehen, was er als einen "kurzen Paletot" bezeichnet hätte. So wandelt sich die Sprache. Großvater nahm die Vokabeln seiner Bildung aus dem Französischen; unsere Halbbildung bezieht sie vorzugsweise aus dem Englischen. Wir wissen alle, was ein Gag ist. Voilá, okay.

Großvater Smith hätte das freilich auch noch nicht gewußt. Das englische Wort "Gag" ist – in seiner heutigen Bedeutung – auch im Englischen noch nicht so alt. Der Cassells-Diktionär aus den zwanziger Jahren, er kennt "to gag" nur als "knebeln, mundtot machen", besonders gebräuchlich als "gagging of the press", "Knebelung der Presse", also nichts besonders Schönes. Warum auf dem englischen Theater als Jargonausdruck für das freie Improvisieren ins Stück hinein plötzlich der "Knebel" bedeutsam wurde, wird niemand mehr zu sagen wissen.

Das Wort hat Karriere gemacht, bis nach Hollywood, wo jahrzehntelang der "Gag-Man" eine hoch dotierte Stelle innerhalb der Film-(später der Fernseh-) Produktion innehatte. Er fand jene burschikosen, wie improvisiert wirkenden witzigen Blitz-Einlagen, die den Film – später das Fernsehen – so populär gemacht haben, die den jeweiligen Hauptdarstellern das jeweils treffende Bonmot der jeweiligen Situationskomik angemessen in den Mund oder in die Faust legten und die unter dem – gleichfalls unübersetzbaren – Namen "slapstick" in die Film-, neuerdings die Fernseh-Geschichte eingegangen sind.

Ein Gag ist ein lustiger, die Situation und den Charakter des in der Situation befindlichen Menschen schlagartig und unvermutet erleuchtender Einfall. Und als solcher ist er aus der Flimmerbranche längst herübergewechselt, auch in kulturell viel ältere Metiers. So haben sich die Zeichner seiner angenommen, was aus der Karikatur den Cartoon gemacht hat. Selbst die Maler und Bildhauer griffen auf ihn zurück oder, wie sie oftmals meinen, voraus: aus Dada wurde Pop (ular) Art. Schon kommt es vor, daß dem Regisseur einer Komödie auf dem Theater in der Kritik lobend bescheinigt wird, auch seine Gags seien der Beachtung wert. Und ließe Haydn heute seine "Symphonie mit dem Paukenschlag" uraufführen, wir würden den unvermuteten Bumms aufs Kalbfell sicherlich als Gag empfinden, hinderte uns nicht die Ehrfurcht daran, die noch zwischen Witz und humorvoller Anekdote – wenn auch inzwischen etwas mühsam – immer noch zu unterscheiden weiß.

Sei dem wie ihm sei, der Gag spielt in unserem Kulturleben eine große Rolle. Das Berliner Haus am Lützowplatz bereitet ihm jetzt sogar ein Festival. Während der nächsten Festwochen (Mitte September bis Anfang Oktober) soll es vonstatten gehen. Es war schon früher geplant, aber da merkten die Veranstalter, daß der Gag, dieser anscheinend so leichtlebige Bruder, ein reichlich widerborstiger Geselle sein kann. Nichts bedarf längerer und sorgfältigerer Vorplanung. Die beste Definition des "Gags" geht – nicht nur daraus – hervor: Er ist der vorgeplante, sorgsam überlegte, haarscharf kalkulierte und unbedingt ankommen-müssende Witz.

Ihm hat sich das Haus am Lützowplatz insgeheim schon lange verschrieben. Der deutsch-französische Karikaturist Tomy Ungerer bekannt von seinen "New-York-Times"-Plakaten und seinen "Diogenes"-Cartoon-Büchern, hat hier schon "Gerümpel-Montagen" zeigen dürfen, als erst halb bekannt war, daß das Haus am Lützowplatz, das offiziell unter dem etwas hochtrabenden Namen "Gesellschaft der Freunde Kulturzentrum Berlin e. V." firmiert, der SPD gehört, was als ein tatsächlicher Gag sicht- und hörbar geworden sein dürfte, seit Wolfgang Neuss dort, im Keller-"Domizil", allabendlich seine Ein-Mann-Kabarett-Kanonade "Das Jüngste Gerücht" abzieht, wobei die SPD gewiß nicht geschont wird, eher im Gegenteil. Alte Genossen sollen, dem Hörensagen nach, wenig erfreut sein, aber besonders die intellektuelle Berliner Jugend wird von solcher Liberalität um so mehr angezogen, was sich unter Umständen auch fern jeden Gags auszahlen kann. Kurzum: das Berliner SPD-Kulturhaus hält Humor, Witz und Selbstkritik parat, hier ist immer etwas los, man darf sogar lachen und das sogar in Kunstausstellungen (kürzlich brillierte der "Pardon"-Zeichner Chlodwig Poth mit exzellenter Cartoon-Graphik) – ein Verdienst des bereits in jungen Jahren mehr nach Erhard als nach Willy Brandt ausschlagenden, gemütlich embonpointierten Konrad "Jule" Hammer, der nach einem Reinfall mit sozialkritischer Graphik ("100 Jahre Kunst und SPD") finster entschlossen scheint, der Kunst der Gegenwart nunmehr die heiterste Seite abzugewinnen, die des Gags. "Pardon" und "Twen" sind ihm dabei behilflich.