Porzellan, Antikes, Englisches – Boutique-Bar und Galerien

Von Anne Mecklenburg

Die Experten haben nachgedacht, lange und gründlich. Schließlich haben sie das Wert geboren, dauerhaft, werbewirksam, variabel in seinen Anwendungsmöglichkeiten vom Plakat bis zur Schlagermelodie: "Berlin ist eine Reise wert." Wer in Berlin lebt, die Stadt kennt, sich mit ihr herumschlägt, sie liebt natürlich, der mag das Wort nicht sehr. Er sieht ja ein, daß geworben werden muß, wofür wird heute nicht geworben ... Also, wenn sie nun herkommen, wissen sie natürlich ungefähr, wessen sie gewärtig zu sein haben. Das offizielle Programm also beiseite lassen; wer keines hat, kauft sich am ersten Tage an der Ecke Kurfürstendamm/Fasanenstraße ein Billett für eine Stadtrundfahrt. Das braucht man, das erleichtert die Übersicht. Man erhält für wenig Geld einen stenographierten Überblick über den Grundriß, die Entfernungen, die Ansichtskartenansichten der Stadt, Preußens Hauptstadt, die Hauptstadt Deutschlands, ja, eines Teils von ihr.

Und dann gehen wir einkaufen, bummeln, "Knöpfchen kaufen", wie der Berliner Tucholski das nannte. Wo die City, das Einkaufszentrum, liegt, weiß man, sofern man sich von Stadtplan, Instinkt und freundlichen Ureinwohnern zur Gedächtniskirche leiten läßt. Da ist man inmitten. Man kann von dort die Tauentzien hinauf- und den Kurfürstendamm hinabsehen, und jeder Reisende wird sich hier erst einmal entscheiden müssen:

erstens ob er zuerst die Tauentzien hinaufgeht, an deren Ende das KaDeWe ihn lockt, die kolossale Einkaufsstätte der Berliner und aller Berlin-Besucher, in der man vom Cardin-Kostüm bis zum Barack Palinka, von der Hollywoodschaukel bis zum echt imitierten Wurmstich im Bauernschrank alles haben kann, wessen das moderne Herz begehrt;

oder ob er – zweitens – sich zunächt in Richtung Halensee wendet, die lange Avenue der Verlockungen entlang, den Kurfürstendamm, der bis etwa zur Hälfte, bis zur Wilmersdorfer Straße, von Läden gesäumt ist.

Hat man indessen Stilgefühl, dann wendet man sich zuerst, wobei man um. die neuerrichtete Kirche Egon Eiermanns herumgehen muß, in Richtung Zoo. Unter den Kolonnaden der Budapester Straße liegt das gediegenste Geschäft der Stadt, das traditionellste und sehr historische: Die Berliner Porzellan-Manufaktur. Vor wenigen Monaten feierte sie ihren 200. Geburtstag; man kauft noch heute das Service, das Friedrich der Große für sich hatte anfertigen lassen, Osier, das berühmte Korbmuster. Man kauft dort neben den klassischen natürlich auch moderne Formen, neben dem Service Einzelstücke, Vasen, Schalen, Dosen, kühl-schöne Lampen und Figürliches von Jean Baptist Pedrozzis "Elster mit Schnecke" aus dem Jahre 1765 bis zum Berliner Wappentier, dem Bären und der Freiheitsglocke (welche beiden Stücke offiziellen Besuchern der Stadt als Präsent überreicht werden). Ästhetik liegt in der porzellanklaren Luft; man denkt an Sanssouci und ist bezaubert. Will man weniger Geld als am Zoo ausgeben, dann fährt man schnell zum Bahnhof Tiergarten, dort in der Wegelystraße, die nach dem Begründer der Manufaktur ihren Namen hat, kann man in der Manufaktur selber Berliner Porzellan zweiter und dritter Wahl erstehen – immer noch schön und ästhetisch. Undekoriertes allerdings nur.