Etwa hundert Studenten der Universität Havanna erhoben am 13. März 1957 ihre Waffen gegen den kubanischen Diktator Fulgencio Batista. Nur ein paar kamen mit dem Leben davon. Vier Überlebende wurden fünf, Wochen später in einem Schlupfwinkel aufgestöbert und mit Maschinenpistolen niedergemäht. Ihr Versteck war verraten worden. Der Verräter wurde in der vorigen Woche zum Tod durch Erschießen verurteilt. Damit hätte der Fall erledigt sein können, wäre der Angeklagte nicht Kommunist gewesen. Statt dessen demonstrierte der Prozeß, welch kleiner Anstoß genügt, um die Troika, mit der Fidel Castro die Zuckerinsel regiert, aus dem Gleichschritt zu bringen. Das Dreigespann besteht

  • aus den Kommunisten (PSP), Parteigängern Moskaus, die niemals gegen Battista kämpften und nun aufzupassen haben, daß Castro nicht die ost-westliche Koexistenz gefährdet.
  • aus den sozialistischen Studenten, unter ihnen Anhänger Pekings, die 1957 den Aufstand organisierten und
  • aus den Veteranen des Partisanenkriegs gegen Battista, die nur ein Ideal kennen – Castro.

Wie straff Castro alle drei am Zügel führen muß, wurde noch nie so deutlich wie in dem Prozeß gegen den Denunzianten Marcos Rodriguez Alfonso. 1957 war Rodriguez, Mitglied des Studenten-Komitees, 19 Jahre alt. Er stand von Anfang an im Verdacht, wurde vorübergehend inhaftiert, durfte aber dann eine Parteischule in Prag besuchen. Erst 1963 legte er ein Geständnis ab. In einem Brief an PSP-Chef Joaquin Ordoqui, der ihn seinerzeit angeworben hatte, veisuchte er, sein Schicksal zu wenden, indem er behauptete, er habe nur der Partei, nicht der Polizei seine Informationen gegeben. (Ordoqui ist heute zweiter Vizeminister für die Streitkräfte.)

Kopien des Briefes liefen Nichtkommunisten in die Hände. Prompt benutzte Castros Transportminister,Faure Chomon, ein Überlebender der Studentenrevolte, die Gelegenheit, um als Zeuge vor Gericht die gesamte PSP anzuklagen. Damit nicht genug, veröffentlichten Funktionäre der (Partisanen) – "Bewegung des 26. Juli" Teile dieser Beschuldigungen in ihren Blättern "Revolucion" und "Bohemia".

Nach dem Urteilsspruch sah sich Castro zu der öffentlichen Ermahnung genötigt, die "revolutionäre Einheit" zu wahren.

Er verschonte niemand mit seiner Kritik: Chomon habe politische Fragen mit einem Kriminalfall verquickt; der Herausgeber der beiden Zeitungen habe durch den Abdruck der Zeugenaussage die Verwirrung nur noch vergrößert; und Kabinettsmitglied Ordoqui schließlich habe den Verräter falsch eingeschätzt und den erpresserischen Brief nicht herausrücken wollen. Rodriguez, nicht die PSP, sei des Mordes schuldig.

Zunächst hatte es so ausgesehen, als habe Castro eine Gelegenheit erspäht, den Kommunisten, die eine größere Rolle in der Regierung spielen möchten, einen Dämpfer zu versetzen. Aber nun hielt er es doch für besser, die PSP reinzuwaschen. Er kann es nicht riskieren, die sowjetrussische Hilfe von täglich sechs Millionen Mark zu verlieren.