Von Walter Abendroth

Der russische Astronaut Titow hat sich der atheistischen Propaganda sozusagen als besonderer Sachkenner zur Verfügung gestellt. Da die Wissenschaft auf der Erde keinen Gott entdecken konnte und er selbst aus dem Himmelsraum eine gleiche Fehlanzeige mitzubringen in der Lage war, dürfte die Beweiskette für den Schwindel der Religion geschlossen sein. Ein prachtvolles Beispiel dafür, bis zu welcher Torheit konsequentes materialistisches Denken sich versteigen kann.

Freilich ist die Theologie nicht unschuldig an dieser grotesken Begriffsverwirrung. Sie hat es versäumt, beizeiten ihre Terminologie aus der mittelalterlichen Bildersprache zu lösen und in moderne Formulierungen dessen, was sie meint, zu übersetzen. Was sie meint: das ist doch wohl eine Wirklichkeit jenseits der sinnlichen Wahrnehmbarkeit und über jede Beweisbarkeit hinaus. (Übrigens ebenso unerreichbar für vermeintliche Gegenbeweise.)

Erstaunlicherweise verkannte die Theologie selbst diesen Sachverhalt, indem sie, seit die Kluft zwischen dem Inhalt des religiösen Bekenntnisses und den Aussagen der Wissenschaft immer tiefer zu werden schien, ihrerseits um Beweiskonstruktionen, um "Gottesbeweise" bemüht war. Es wurde dabei nicht bemerkt, daß einerseits der Wunsch, zu "beweisen", schon Verlust des Glaubens bedeutet und daß andererseits das der sinnlichen Wahrnehmbarkeit Entzogene niemals mit den Mitteln einer aus der sinnlichen Wahrnehmung entwickelten Logik bewiesen oder auch nur erschlossen werden kann.

Jenes Bemühen um Verwissenschaftlichung des Religionsverständnisses übersah, daß man nicht zugleich die Glaubensinhalte wissenschaftlich rechtfertigen wollen und die konkrete Erfahrbarkeit einer "übersinnlichen" Welt bestreiten oder das Streben danach als gotteslästerliche Anmaßung – verdammen kann. Der Versuch, eine vermeintliche Synthese zwischen Glauben und Wissenschaft herzustellen, wird immer zum Scheitern verurteilt sein. Neben dem Wissen wird der Glaube stets nur im Sinne des entweder noch nicht Wißbaren, auf der heutigen Entwicklungsstufe des Menschen noch nicht Erfahrbaren oder aber des grundsätzlich niemals Wiß- und Erfahrbaren Berechtigung haben. Nur im ersten Fall wird er sich mit der Wissenschaft ernsthaft auseinandersetzen können; im zweiten wird er darauf verzichten müssen, es auch nur zu wollen.

Es liegt eine gewisse Tragik darin, daß auch der vielleicht intelligenteste Versuch, diese Grundwahrheit zu ignorieren oder gar zu überwinden, nur wiederum ein neues Zeugnis ihrer Unabänderlichkeit erbracht hat. Dabei handelt es sich obendrein um ein denkerisches Abenteuer, das seinen Helden auch noch in Konflikt mit der Instanz brachte, der er am meisten zu dienen gedachte: nämlich der Kirche. Zwar wurde der gelehrte Jesuitenpater nicht exkommuniziert, und seine Bücher kamen nicht einmal auf den Index; doch verbot ihm sein Orden die Lehr- und Vortragstätigkeit.

Die Rede ist von Pierre Teilhard de Chardin. Seit seinem Tode (1955) haben seine Ideen zunehmendes Interesse in den Kreisen solcher sozusagen "Aufgeklärten Christen" gefunden, die es für wünschenswert und möglich halten, die Glaubensinhalte der Religion "mittels der Wissenschaft" – das heißt: Naturwissenschaft – zu interpretieren. In München wurde erst kürzlich eine "Teilhard-de-Chardin-Gesellschaft" gegründet, die das Gedankengut des Mannes pflegen und verbreiten will, den die einen als neuen Kirchenvater feiern, die andern als Häretiker verurteilen.