BAYERISCHER RUNDFUNK

Die heute recht aktuelle Frage, ob das Schweigen klüger sei als das Reden, wird natürlich überhaupt nicht generell, sondern nur individuell entschieden werden können. Aber wie wir im Vorspruch zu der Sendung des Hörspiels "Le silence" von Nathalie Sarraute (aus dem Französischen übertragen von Elmar Tophoven) belehrt wurden, interessiert sich die 1902 geborene prominente Vertreterin des "nouveau roman" nicht für Individualpsychologie, sondern nur noch für Gruppenpsychologie. Wobei es denn auch nur zu unverbindlichen Kollektivdiagnosen oder, wo solche mit dem besten Willen nicht möglich sind, zu jener Art von "Offen-Lassen" kommen kann, die so gern als besondere Weisheit gerühmt wird, aber im Grunde die neue Frage aufwirft: Warum wurde dann erst gefragt?

Mit diesem ironischen Gefühl entließ den Hörer auch das von Oswald Döpke geleitete Spiel (eine Gemeinschaftsproduktion vom Süddeutschen Rundfunk, Bayerischen Rundfunk und Radio Bremen) trotz sinnfälligster Verlebendigung der Situation.

Es wurde weder einleuchtend, warum das hartnäckige Schweigen des Jean-Pierre zu einer aufgeregten Debatte um Nichtigkeiten die Diskutieren so völlig aus dem Konzept brachte, noch warum sein schließlich eingeworfenes Wort solchen erlösenden Effekt machte. Oder sollte gesagt sein, daß in der heutigen Gesellschaft eine Mehrzahl von Menschen auf abweichendes Verhalten eines einzelnen grundsätzlich nur mit Komplexen reagiert?

Die Besetzung war ausgezeichnet: Die Männerstimmen wurden von Hans-Christian Blech, Herbert Bötticher und Oswald Döpke selbst, die Frauenstimmen von Lina Carstens, Edith Heerdegen, Tessy Kuhls und Ute Maschke gesprochen.

A-th