„Sind wir noch das Volk der Dichter und Denker?“ – so lautet die Frage, zu deren Beantwortung der Hessische Rundfunk vierzehn Schriftsteller, Literaturhistoriker, Philosophen, Soziologen und Kulturpolitiker aufgerufen hatte: unter anderem Ernst Bloch, Walter Boehlich, Richard Friedenthal, Karl Korn, Hans Mayer, Robert Minder und Arno Schmidt. Wenn es überhaupt eine Frage war und nicht vielmehr ein Appell an den innerdeutschen Geist der Kritik – denn wer könnte die von Karl Musäus, Jean Paul, Bulwer oder der Madame de Staël geprägte Formel noch allen Ernstes für zulänglich halten? Aus dieser Serie drucken wir hier den Essay von Hans Mayer; im ganzen erscheint sie demnächst als Rowohlt -Taschenbuch in der Reihe rororo-aktuell.

Sind wir noch ein Volk der Dichter und Denker?

Wir haben uns verstanden. Die Frage, ob wir noch ein Volk der Dichter und Denker seien, soll stimulieren, möglicherweise sogar provozieren. Eine kleine Provokation aber nur, denn man rechnet ohnehin damit, daß alle Befragten die Antwort geben werden: wir seien es nicht mehr. Vermutlich werden auch alle Antworten darin übereinstimmen, wir Deutschen seien niemals ein Volk der Dichter und Denker gewesen. So weit, so gut oder schlecht.

Bleibt zu überlegen, ob man dieses negative Ergebnis bedauert oder begrüßt. Wir wollen ungescheut betonen, daß wir diesen Zustand begrüßen. Glücklicherweise sind wir kein Volk der Dichter und Denker. Und glücklicherweise waren wir auch nie eins. Übrigens entstand die Bezeichnung ausnahmsweise gar nicht in deutschen Landen. Sie ist nicht vergleichbar mit jener schwäbischen Feststellung:

Der Schiller und der Hegel, der Uhland und der Hauff,

das ist bei uns die Regel, fällt gar nicht weiter auf.

So war es denn doch nicht mit dem Gütezeichen „Volk der Dichter und Denker“. Die Frau von Staël hatte die Formel geprägt, als sie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in Begleitung ihres wissenschaftlichen Beraters August Wilhelm von Schlegel nach Deutschland kam, in Weimar beispielsweise ob ihres energischen Zupackens einigen Schrecken erregte und dann, nach Coppet am Genfer See zurückgekehrt, ihr berühmt-berüchtigtes Deutschlandbuch verfaßte, worin vom „peuple des poètes et penseurs“ die Rede war. Das Buch der geborenen Necker, der Todfeindin Napoleons, die Schweizerin war von Geburt, Französin durch Erziehung, Schwedin durch Heirat, blieb polemisch gemeint: wieder einmal so eine Germania im Stile des Tacitus, worin das tiefsinnige und poetische Deutschland den Verkommenheiten des bonapartistischen Frankreich entgegengesetzt werden sollte.