In einem Brief an die ZEIT hieß es neulich, es sei Usus geworden, Musik "aus den soziologischen oder politischen Begleitumständen" ihrer Entstehungszeit "heraus" zu kritisieren –

Wie wohl hat man sich diese "soziologischen Begleitumstände" vorzustellen? Als Flüchtigkeitsfehler eines eiligen Leserbriefschreibers? Vielleicht. Werfen wir also einen Blick in eine wissenschaftliche Zeitschrift. Da, so darf man annehmen, gibt es solche Flüchtigkeit nicht.

Im Jahrgang 1959 der Zeitschrift Die Welt als Geschichte finden wir Betrachtungen von Professor Frauendienst über "das Wirtschaftliche und Soziologische", über "soziologische Abhängigkeiten", und dann den Satz: "eine bestimmte soziologische... Herrschaftssituation" sei erforderlich gewesen, um irgendwo einen besonderen Kampfgeist hervorzubringen. Schließlich führt selbst ein so feinsinniger Historiker wie Reinhard Wittram in der gleichen Zeitschrift die Verstärkung irgendeiner Gefahr auf "soziologische Wandlungen" zurück, obwohl er, wie sein Kollege, ganz offensichtlich auf gesellschaftliche, also soziale Kräfte und Erscheinungen anspielt und nicht auf Vorgänge im Bereich der Wissenschaft von der Gesellschaft, dem allein das Adjektiv "soziologisci" zukommt.

Lax wie die Leute sind, kann man nun gegen solche Kritik den Einwand hören, das sei doch kaum der Rede wert, es gebe eben kein besseres Wort: "Sozial" habe immer mehr den Sinn von "karitativ" angenommen, und wer "gesellschaftlich" nicht sagen wolle – auch das sei doppeldeutig und sein Bereich zu eng –, der halte sich darum an "soziologisch".

Glücklicherweise – glücklicherweise für die Zwecke dieser Glosse – gibt es ein wissenschaftliches Werk, das uns Material genug liefert, solcher Argumentation die grotesken Auswüchse jenes fahrlässigen Sprachgebrauchs warnend entgegenzustellen. Ich meine die zweibändige Stucie von G. W. F. Hallgarten über den "Imperialismus vor 1914". Hallgarten hat sich, was die Sache angeht, mit seiner soziologischen Betrachtungsweise zweifellos um die Aufhellung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergründe der großen Politik vor dem Ersten Weltkrieg verdient gemacht. Stilistisch treibt sein Soziologismus gleichzeitig aber die seltsamsten Blüten.

Da stützen sich die Stuarts "soziologisch auf die Inhaber von Monopolen", ruhen Tendenzen "soziologisch auf der Armee und auf opponierenden Elementen", und "soziologische Verhältnisse" früherer Epochen wirken lange nach. Eines Tages taucht sogar ein "soziologisches" Bedürfnis deutscher Kolonien auf.

Sieht man genauer hin, so entpuppt sich bei Hallgarten die Geschichte als eine große Verschwörung der Soziologie, deren Umfang auch selbstbewußte Anhänger dieser leider noch immer umstrittenen Wissenschaft kaum geahnt haben. "Sehr bedeutsame soziologische Gewalten" finden wir da am Werk. "1866 bis 1870 (z.B.) bildete sich in ganz Deutschland... die soziologische Unterlage für das deutsche Reich." "Die soziologische Position Bismarcks und der Reichspartei" wird aufgespürt, und ebenso werden es die "soziologischen Gründe der deutsch-russischen Entfremdung". Denn "soziologische Mächte" waren es, die die Spannung mit Rußland förderten, und mit Erschütterung ist festzustellen, daß auch "gewaltige soziologische Interessen zur Spannung und zum Bruch mit England führten".