Belgien erlebte in der letzten Woche, was die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte: einen Ärztestreik. 10 000 Ärzte und 2000 Zahnärzte – 80 Prozent der gesamten Ärzteschaft des Landes – traten in den Ausstand, um die Regierung zu zwingen, das neue Krankenversicherungsgesetz noch einmal abzuändern.

Belgien kennt erst seit 1944 eine Versicherungspflicht. Da der ‚Staat immer wieder die hohen Defizite der vielen Krankenkassen decken mußte, entschloß man sich zu einer Reform, die praktisch einen staatlichen Gesundheitsdienst einführt. Dreierlei mißfällt den Ärzten: Rentner und Invaliden sollen künftig frei behandelt werden. Die vorgesehenen Honorarsätze sind zu niedrig: vier Mark bei Konsultationen, acht Mark bei Hausbesuchen. Da sich die Praxis eingebürgert hatte, bei Konsultationen zwei Bescheinigungen auszustellen, will die Regierung künftig die Behandlung kontrollieren.

Viele der Ärzte reisten ins benachbarte Ausland in Urlaub, um einer Dienstverpflichtung zu entgehen. Ein Notdienst behandelte in Tag- und Nachtschichten und ohne Bezahlung nur die dringendsten Fälle. Wegen unterlassener Hilfeleistung wurden zwei streikende Ärzte verhaftet, denen der Tod eines Kleinkindes zur Last gelegt wird. Hunderte von Patienten wurden in Militärlazaretten untergebracht, da das Pflegepersonal in den Krankenhäusern übermüdet ist. Auf dem Lande mußten Tierärzte Zähne ziehen.

Der Streit um die Honorare hat politische Hintergründe: Die Versicherungsreform war den Sozialisten versprochen worden, damit sie den Sprachengesetzen, die vom flämischen Volksteil gewünscht wurden, ihre Stimme geben.