Uns wird geschrieben:

Paul Sethes Rezension des Fischer Taschenbuchs "Die Ära Adenauer" enthält jene Art von "fruchtbarem Tadel", über den sich ein verständiger Autor mehr freut als über ein unfruchtbares Lob.

Eine "Mode" nennt er den Versuch, einen bestimmten politischen Stoff von mehreren Autoren behandeln zu lassen, und findet den Nachteil dieser Mode größer als ihren Vorzug. Denn "keiner der Autoren kommt dazu, den Gegenstand aus seiner Sicht gründlich zu durchleuchten". Den Autoren bescheinigt er, daß ihre Sätze nicht flach seien, nicht "leeres Wortgeklingel" und daß das ganze Buch "prall gefüllt (sei) mit Informationen, Einsichten, geistreichfunkelnden Wendungen". Also Lob der Autoren und Tadel der Methode.

Damit könnten die Autoren eigentlich zufrieden sein. Und doch – ist die Methode wirklich so tadelnswert? Ist sie nicht im Grunde wichtiger und interessanter als noch so geistreiche Formulierungen im einzelnen? Ist diese "Mode", konsequent durchgeführt, nicht vielleicht ein Weg zu einer neuen, modernen Geschichtsschreibung?

Gerade die Gestalt Konrad Adenauers beweist, scheint uns, wie unzulänglich die bisherige "monozentrische" Methode der Behandlung historischer Gegenstände ist und verlockt dazu, es einmal auf eine andere Weise, eben "polyzentrisch" zu versuchen. Im Grunde war es nie möglich, eine geschichtliche Begebenheit oder eine geschichtliche Figur so zu beschreiben wie sie "wirklich gewesen". Einen Konrad Adenauer "an sich" gibt es ebensowenig wie einen Bismarck, Napoleon oder Wallenstein an sich. Schiller meint, Wallensteins Charakterbild schwanke "von der Parteien Haß und Gunst verzerrt in der Geschichte". Richtig müßte es heißen, von der Parteien Haß und Gunst geformt, entstand sein Bild in der Geschichte Denn was wüßten wir heute von dem kaiserlichen Feldmarschall Wallenstein, wenn ihn niemand gehaßt oder bewundert hätte? So gut wie nichts. Er wäre versunken im Dunkel der Geschichtslosigkeit und kein Schiller hätte ihn je bedichtet. Aber wer möchte im Ernst behaupten, der von Schiller geschaffene sei nun der "entzerrte", der wirkliche Wallenstein? Er ist ein neuer Wallenstein – der schillersche.

Blicken wir über die Grenzen der Länder und Völker (die ja fast immer auch die Grenzen des Horizonts der Geschichtsschreiber sind), hinaus, so finden wir schon heute Ansätze zu einer "polyzentrischen" Geschichtsschreibung. Man stößt dann auf Herrscher, die einmal "der Große" heißen, ein andermal der "Tyrann" oder der "Schreckliche". Auch innerhalb eines Landes – nach einem Bürgerkrieg etwa – kann sich das Urteil der Parteien wandeln. Wie im Falle Wallensteins. Aber ist darum das eine Urteil falsch und das andere richtig?