Von Robert Gerwin

Wieder einmal ist der vor rund fünf Jahren nach USA ausgewanderte 35jährige Physik-Nobelpreisträger Rudolf Mössbauer zur Symbol-Figur der bedrängten Forschung im Nachkriegs-Deutschland geworden. Aus München, seiner Heimatstadt, kam letzte Woche die Nachricht, daß Mössbauer den Ruf an die dortige technische Hochschule angenommen hat und noch im Laufe dieses Sommers seinen Lehrstuhl für Experimentalphysik einnehmen wird. Zugleich wurde mitgeteilt, daß damit auch der Forderung Mössbauers entsprochen wird, alle physikalischen Lehrstühle und Institute der technischen Hochschule zu einem Department nach angelsächsischen Vorbild zusammenfassen, wobei nicht mehr der einzelne Professor als unumschränkter König in seinem Instituts-Reich herrscht, sondern die Professoren des ganzen Departments aus ihrer Mitte einen Vorstand wählen und diesen im Turnus auswechseln.

Außerdem haben Kultus- und Finanzministerium der Bayerischen Staatsregierung für dieses neu zu schaffende Physik-Department sage und schreibe 16 Lehrstühle und 234 Planstellen für wissenschaftliche Assistenten und anderes Hilfspersonal zugesichert. Mit der ursprünglichen Idee, dieses neue Physik-Department auch räumlich ganz aus dem bisherigen Hochschulgelände herauszulösen und an den nördlichen Stadtrand bei Garching zu verlegen, wo die Errichtung eines neuen Hochschul-Komplexes vorgesehen ist, hat sich Mössbauer nicht ganz durchsetzen können – gewisse Instituts-Komplexe verbleiben auf absehbare Zeit noch im jetzigen Raum –, doch auf alle Fälle wird in Garching für das Physik-Department in sehr großzügiger Form neuer Institutsraum geschaffen.

Zusammen mit der schon bestehenden Reaktorstation der TH München und den großen Instituts-Komplexen der Max-Planck-Gesellschaft für Plasma-Physik und extraterrestrische Forschung wird hier in den nächsten Jahren eine Massierung der physikalischen Forschung sein, die für deutsche Maßstäbe ungewöhnlich ist.

In der Tat läßt diese Entwicklung – von den Münchener Physikern bisweilen scherzfth zweiter Mössbauer-Effekt genannt – die Hoffnung keimen, daß man in der Bundesrepublik endlich gewillt ist, den Rückstand der Forschung von Grund auf zu kurieren. Der junge Professor Mössbauer hat freilich bei seinen Kollegen in München mit dem Wunsch nach der Errichtung einer Physik-Abteilung neuen Stils offene Türen eingerannt. Trotz mancher Anfeindungen aus Kollegenkreisen haben diese Münchener Professoren ihre Department-Idee mit Mössbauer gemeinsam durchgefochten und dafür das Odium auf sich genommen, der Autorität des deutschen Professors das Grab zu schaufeln. Auch die Selbstverwaltungsorgane der Technischen Hochschule in München haben mitgemacht, und alle gemeinsam fanden im Kultus- und Finanzministerium offene Ohren und die für ein solches Projekt notwendige Weitsicht.

Dennoch verliefen die Berufungsverhandlungen zeitweilig recht zähflüssig, und es sah zuweilen so aus, als wolle Mössbauer einem Ruf der Max-Planck-Gesellschaft folgen oder gar im Forschungszentrum der Europäischen Atomgemeinschaft im Ispra mit einigen Kollegen ein neues Department für Grundlagenforschung einrichten. Doch bei der Europäischen Atomgemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft scheint man sich ein wenig davor gefürchtet zu haben, Mössbauer könne mit seinen "amerikanischen" Vorstellungen wie ein Sauerteig wirken, der eingefahrene Organisationsformen in Bewegung bringt. Auch an den deutschen Universitäten und Hochschulen gibt es viele, die dem Mössbauer-Effekt zweiter Art recht skeptisch gegenüberstehen. Größer freilich ist der Kreis von Naturwissenschaftlern, die längst erkannt haben, daß in der Bundesrepublik auch in Hinblick auf die Organisationsform der Forschungsstätten etwas geschehen muß, um das Nachhinken unserer Wissenschaft zu überwinden. So ist die Rückkehr von Rudolf Mössbauer Anlaß eines Umschwungs in der deutschen Forschung. Vielleicht wird dieser Umschwung einmal dazu führen, daß der Strom der nach Amerika emigrierten Wissenschaftler zumindest teilweise wieder zurückflutet.