Von Werner Ross

Wir gewöhnen uns daran, daß laut Statistik zehn- oder hunderttausend Lehrer fehlen. Kann man das Heil von Bedarfslenkung erhoffen? Darf man annehmen, daß sich Legionen junger Leute kühn in die Bresche werfen, nur weil nationale Notrufe erschallen? Kaum; wir machen die Rechnung zu gern ohne den Wirt. Wir wollen nicht sehen, daß man mit Lückenbüßern den Lehrer nicht ersetzen kann. Um den geht es nämlich, um die unverwechselbare Begabung des Lehrens, Unterrichtens, Erziehens.

Gewiß kann man den Job attraktiver machen, mit mehr Geld und weniger Stunden. Aber damit schafft man sie nicht her – die tüchtigen Pauker nicht, die es uns einbleuten, und nicht die hochfliegenden Pädagogen, die uns begeisterten. Die Lehrer selber sind still. Es sollte eigentlich schon aufgefallen sein, wie wenig sie sich an einer Diskussion beteiligen, die sie vor allem angeht.

Man versteht sie besser, wenn man einem Lehrer zuhört, der spricht –

Heinrich Hahne: "Als Lehrer heute"; Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf; 255 S., 16,– DM.

Hahne ist kein Neuling in der Publizistik. 1956 erschienen von ihm "Ketzereien eines Studienrats" mit dem sympathischen Mephisto-Motto: "Ich bin des trocknen Tons nun satt." Der trockne Ton, den Hahnes springlebendige Persönlichkeit von Anfang an satt war, ist der der pädagogischen Traktate, der Reform-Gutachten, der Bildungspläne, der soziologischen Analysen. Er hat die Gabe, scharf polemisch zugespitzt zu sagen, was den anderen Studienräten nur als dumpfer Groll im Busen nagt. Ein Ja zum Neuen, sagt er im Vorwort seines neuen Buches, aber nur, wenn es sich durch Größe ausweist; sonst lieber ausdauernd widerstehen, "auch konservativ und zynisch".

Man hört diese beiden Wörter selten zusammen. Das ist schade. Konservativismus riecht unwiderstehlich nach Biederkeit. Daß man für die alte Schule sein könnte, die an Bildung glaubt, die Forderungen stellt, die geistiges Training für unerläßlich hält, das erklärt man am liebsten mit den Standesvorurteilen der Philologenverbände. Man kann sich durch Hahne, der nicht ohne Ironie ein Heidegger-Zitat an den Anfang stellt, der bei Max Weber zu Hause ist und heftig gegen Schelsky ficht, eines Besseren belehren lassen.