Berlin, im April

Bis zum letzten Augenblick war ungewiß, ob Senatsrat Horst Korber bei seiner ersten Wiederbegegnung mit DDR-Staatssekretär Erich Wendt zur Verhandlung über die Passierscheine die Anwesenheit von DDR-Postangestellten in Westberlin endgültig ablehnen werde oder ob er eine Zwischenlösung anbieten konnte. Noch am Tag vor diesem Treffen hatten sich Bonn und Berlin darüber nicht einigen können.

Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt hatte noch in seiner letzten Rundfunk- und Fernsehansprache gesagt, er hoffe, daß es gelingen möge, "eine inhaltliche Übereinstimmung der Verantwortlichen in der Bundesrepublik und in Westberlin zu entwickeln, die über den Tag hinausreicht". Sicher ist nur dies: Passierschein-Gespräche auf der Ebene der Treuhandstelle für Interzonenhandel lehnt Ostberlin strikt ab. Hauptabteilungsleiter Heinz Behrendt vom DDR-Ministerium für außen- und innerdeutschen Handel hatte Kurt Leopold,den Leiter der Treuhandstelle, schon am letzten Freitag über diesen Beschluß seiner Regierung unterrichtet. Form und Ton der Erklärung waren unmißverständlich.

Behrendt verzichtete gleichzeitig auf den kürzlich vorgetragenen Wunsch, Düngemittel aus der Bundesrepublik zu beziehen. Natürlich bleibt die DDR daran nach wie vor interessiert, Leopold hatte aber Verhandlungen über "Bonner Kredite für politische DDR-Konzessionen" verlangt. Behrendt indessen lehnte dieses Junktim ab, verzichtete auftragsgemäß auf alles, was die DDR braucht, und nahm sogar in Kauf, daß auch alle übrigen Interzonenhandelsfragen nun nicht gelöst werden.

Die Bundesregierung zeigt sich ebenso störrisch. Sie schlägt die Chance großer Anlagengeschäfte mit der DDR aus – vielleicht, weil sie die von Ostberlin statt dessen mit England und Holland abgeschlossenen Verträge als bedeutungslos ansieht, vielleicht aber auch, weil sie langfristige Arrangements, selbst finanzieller Art, mit dem Ulbricht-Regime für politisch untragbar hält.

Während also die Treuhandstelle nun fast stillgelegt ist, bleibt als einzige politische Verbindung zwischen Berlin und der DDR nur noch das Kontaktgespräch Korbers mit Wendt. Hier aber ist die Lage verfahrener denn je. Die DDR besteht auf der Mitwirkung ihrer Postangestellten in Westberlin und auch darauf, daß in einem neuen "Berliner Protokoll" genau wie am 17. Dezember 1963 ihre Hauptstadt nicht Berlin, sondern "Hauptstadt der DDR" heißen soll. Korbers Versuch in den Dezember-Verhandlungen, durch naive Fragen – "Wie heißt denn die Hauptstadt von Frankreich?", "Wie die der Sowjetunion?" – seinem Partner zu beweisen, wie absurd seine Forderung sei, hatte schon damals nicht gefruchtet. In Korbers Auftragliste steht außerdem eine Frage, die vielleicht eine ebenso große Rolle spielen wird, nämlich wie die Unterschriftsformel umformuliert werden könne, damit die Bewegungsfreiheit für künftige Verhandlungen und Übereinkünfte größer wird.

Vor allem aber soll Korber erkunden, was der anderen Seite wichtiger ist: ihre Postangestellten oder die Fortführung der Kontakte. Wendt hat für die Wiederholung der Weihnachtslösung treffliche Argumente zur Verfügung: "Was Weihnachten gut war, kann Ostern und Pfingsten nicht schlecht sein." Außerdem liegen die Entschließungen des Westberliner Abgeordnetenhauses vor, die das "Berliner Protokoll" vom Dezember guthießen. Verändert hat sich bisher nur die Haltung Bonns. Gerade das ist der Grund für die DDR, unbeweglich zu bleiben.