Von Peter Bürger

Das Literatentum ist diejenige Lebensart, dieam weitesten von den Dingen des Geistes wegführt. Der Satz von Paul Valéry ist eindeutig. Valéry trifft seine Entscheidung früh, und zwar für die Dinge des Geistes, das Spiel mit dem unermeßlichen Reichtum gedanklicher Kombinationen, und gegen das Literatentum, das Streben nach Wirkung. Zwanzig Jahre lang veröffentlicht er fast nichts. Er nimmt eine Stellung als Privatsekretär bei einem Pariser Finanzier an, die ihm ein festes Einkommen und ein Höchstmaß an freier Zeit sichert. Die Morgenstunden gehören der Meditation. Die Übung des Geistes, das Abschreiten des eigenen Denkraums beschäftigen ihn ausschließlich. Resultat dieser Arbeit sind die täglichen Eintragungen in seine "Cahiers": Beobachtungen, Gedanken.

Zu Beginn der zwanziger Jahre folgt dann die Wendung. Valéry wird zum offiziellen Repräsentanten des literarischen Frankreichs. Er hält Festreden, schreibt Einleitungen, arbeitet an verschiedenen Zeitschriften mit. Scheinbar ein Bruch mit den Grundsätzen seiner bisherigen Lebens- und Denkweise, in Wahrheit das notwendige Umschlagen einer extremen Lebensform in ihr Gegenteil.

Auch im Strom des literarischen Lebens behält Valéry die Stunden vor Tagesanbruch der Meditation vor. Die "eternelles notules", die täglichen Aufzeichnungen, bleiben das Zentrum seiner geistigen Existenz. Besser als jede Beschreibung gibt das folgende Prosastück die kristallklare, spannunggeladene Atmosphäre dieser Denkübungen wieder:

"Einsamkeit nenne ich diese geschlossene Form, in der alle Dinge Leben haben. In jener ersten Stunde, die ich weder in meine Tage noch in meine Nächte einreihe, vielmehr auf ein gesondertes Konto setze, ist alles, was mich umgibt, von meiner Gegenwart erfüllt. Die Mauern meines Zimmers scheinen mir die Wände einer Konstruktion meines Willens zu sein. Das Licht der Lampe erlebe ich als Dauer. Das reine Blatt Papier vor mir ist klar und belebt wie eine schlaflose Nacht. Ich betrachte meine beleuchteten Hände wie die Steine eines Spiels mit unzähligen Kombinationen. Die ganze Gruppierung jedes Augenblicks wird mir spürbar."

Der jetzt in deutscher Sprache vorliegende Band, dem wir (in leichter Veränderung der Übersetzung) das Zitat entnehmen –

Paul Valéry: "Schlimme Gedanken und andere", aus dem Französischen von Werner Riemerschmid; Insel-Verlag, Frankfurt; 208 S., 19,80 DM