Das Für und Wider im Streit um den Fall Timo Rinnelt

Von Gerhard Ziegler

Wiesbaden

Der Fall "Timo Rinnelt" ist aus den Schlagzeilen verschwunden; nicht aus den Akten der Wiesbadener Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei. Wie am ersten Tage, so beschäftigt Oberstaatsanwalt Dr. Walter Dorbritz auch heute das Schicksal des Kindes, das seit dem 13. Februar spurlos verschwunden ist. Es beschäftigt ihn nicht nur als verantwortlichen Beamten der Strafverfolgungsbehörden. Wer sich mit ihm über den Fall "Rinnelt" unterhält, dem kann es nicht entgehen, daß hier der "Mensch" Dorbritz kaum weniger engagiert ist als der Oberstaatsanwalt Dorbritz. Und wer ihm heute gegenübersitzt, muß den Eindruck gewinnen, daß der körperliche Zusammenbruch dieses Mannes während der ersten Tage der hektischen Ermittlungen vor allem Auswirkung schwerer seelischer Belastung gewesen ist. Doch fragt man sich, wo der sympathische Jurist den Optimismus hernimmt, auch heute noch zu glauben, daß dieser Fall einmal aufgeklärt wird.

Auch die Kriminalpolizei ist noch "dran". Die Wiesbadener Sonderkommission wurde noch nicht aufgelöst. Allerdings verläuft die Arbeit heute in wesentlich ruhigeren Bahnen als vor sieben Wochen. Damit ist der Zeitpunkt gekommen, in Ruhe und Sachlichkeit Rückschau zu halten. Das erscheint vor allem deshalb notwendig, weil es während der turbulenten ersten Wochen nach der Tat nicht an heftigen Kritiken sowohl an der Staatsanwaltschaft wie an der Polizei gefehlt hat. Heute läßt sich wohl sagen, daß viele der Vorwürfe, die in der Öffentlichkeit erhoben wurden, von der Nervosität und Betriebsamkeit der "ersten Stunde" beeinflußt waren. Aus der deprimierenden Situation, ein Kind einem Verbrecher ausgeliefert zu wissen, muß die oft etwas nervöse Reaktion der öffentlichen Kritik verstanden werden. Doch da nun einmal Staatsanwaltschaft und Polizei in dieses Fegefeuer hineingerieten, sollten die Vorgänge nun mit Abstand betrachtet werden.

War es richtig, daß die Öffentlichkeit über die Kindesentführung zunächst nicht unterrichtet wurde? Bis heute bleiben Staatsanwaltschaft und Polizei bei ihrer Meinung: "Das war notwendig. Der Entführer sollte glauben, daß sich die Eltern an seine Forderung gehalten hätten, die Polizei aus dem Spiel zu lassen." Von der ersten Minute an seien umfangreiche Vorbereitungen getroffen worden, um bei Kontaktversuchen des Verbrechers Spuren zu sichern. Tatsächlich hatte die Bundespost bereits eine "Fanganlage" aufgebaut, als der erste telephonische Anruf bei der Familie Rinnelt erfolgte. Keine befriedigende Antwort ist allerdings auf die Frage zu erhalten, warum die Ausstrahlung der auf Tonband festgehaltenen Entführerstimme durch Rundfunk und Fernsehen erst drei Wochen nach dem Anruf erfolgte. Die Sendung eines Telephongesprächs im Fall des Kindesentführers Tillmann in Stuttgart über den Rundfunk hatte damals entscheidend zur Ermittlung des Täters beigetragen.

Die Technik versagte