Brasilien zwischen Linksrutsch und konservativer Diktatur

Von German Kratochwil

Kaum war in Rio de Janeiro die Faschingsdekoration von den breiten Boulevards entfernt worden, da wurde der heiße Asphalt der alten Hauptstadt Brasiliens mit bedruckten Zetteln übersät. An den Marmorwänden der Banken, an den Holzverschalungen der Baustellen und sogar auf parkenden Autos klebten große Plakate. Für die Analphabeten aus den Elendsquartieren, den favelas, wurden Lautsprecher in Betrieb gesetzt, die aus den Bürofenstern, von den Baikonen und den Baumkronen herunter den Inhalt der Zettel und Plakate verkündeten: die Aufforderung, an der großen Kundgebung am 13. März teilzunehmen, auf der Präsident João Goulart feierlich die Dekrete unterzeichnen würde, durch die sein "revolutionäres Reformprogramm" in Gang kommen sollte.

Schon am nächsten Tag startete der alte Widersacher des Präsidenten, der 49jährige Gouverneur von Guanabara, Carlos Lacerda, eine "Kampagne der sauberen Stadt". Mannschaften der Feuerwehr, Arbeitslose aus den Elendsvierteln von Rio, Rentner und katholische Studenten wurden eingesetzt, um die Stadt zu säubern. Flugblätter, Transparente und Plakate mußten aus dem Straßenbild verschwinden. Nach der Kundgebung Goularts wurden die Säuberungsbemühungen wieder eingestellt.

Trotz aller Anstrengungen Lacerdas indes fand das wohlinszenierte Schauspiel des Präsidenten statt, und es wurde außerordentlich gut besucht. Mit Jubel und Sprechchören wurde João Goulart gefeiert – und dies, obwohl die Lebenshaltungskosten im letzten Jahr um nicht weniger als 94 Prozent gestiegen waren und die Ankündigung von Reformen meist recht vage blieb. Ein Punkt des Reformprogramms aber galt als sicher: Bis 1965 sollten breite Geländestreifen rechts und links der Bundesstraßen, rechts und links der Ländergrenzen enteignet, parzelliert und an kinderreiche Bauern verteilt werden.

Eine Bodenreform, wenn auch nicht gerade in der unorthodoxen Form, wie Goulart sie offenbar haben wollte, gilt in Brasilien als unvermeidliche Maßnahme der nächsten Zukunft. Selbst die wohlwollendsten Beobachter Brasiliens und auch ein großer Teil der führenden Schicht des Landes konnten nicht darüber hinwegsehen, daß die Landverteilung in diesem größten Staat Lateinamerikas alle Anzeichen einer Feudalstruktur trägt: 48,4 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Vereinigten Staaten von Brasilien liegen in den Händen von nur 1,5 Prozent der Grundbesitzer.

Goularts große Pläne