Antwort in Belgien: „Herr Doktor ist nicht zu sprechen“

Von Josef Müller-Marein

Der Streik der belgischen Ärzte beschäftigt nicht nur unser Nachbarland, sondern hat allgemein in Europa sorgenvolle Erwägungen hervorgerufen. Im Lande selbst ist Politik im Spiel, da manches sozialpolitische Versäumnis sich heute rächt. Die belgischen Ärzte hatten gehofft, daß die Kollegen in den Nachbarländern ihrem Unternehmen demonstrativ, wenn nicht ihre Solidarität, so doch ihre Sympathie bekunden würden. Indessen stießen jene Maßnahmen allenthalben auf betonte Zurückhaltung. Denn betroffen fragt man sich, was ist eigentlich Arzttum? Mehr Beruf oder mehr Berufung? Eher eine Arbeit, die Geld einträgt (wie jede andere), oder eher Dienst am Mitmenschen?

Die zwar zurückhaltend, aber deutlich gegebene Antwort der meisten europäischen Ärzte lautet: Eher Berufung, eher Nächstendienst! Da sich dies als die allgemeine Ansicht herausbildet, ist kein Zweifel, daß der belgische Streik dem Ansehen der Ärzte geschadet hat. Und wer wollte das nicht bedauern?

Ohne Plakate – im Auto

Der Augenschein verschlimmert noch den Tatbestand. Zum Bilde etwelcher Streiks gehören sonst düster schauende Wachen vor geschlossenen Fabriktoren, Umzüge mit Plakaten. In diesem Falle aber demonstrierten gewerkschaftliche Organisationen gegen die Streikenden; in Lüttich, wo alles Demonstrieren leicht seinen wallonischen Schwung bekommt, marschierte sogar eine weiß gekleidete Damenkapelle an der Spitze des Zuges – très chic. Die Bevölkerung ist schon allein über die äußeren Formen des Ärzte-Streiks erbost. Am Telephon der Arzt-Praxis antwortet eine weibliche Stimme: „Nein, der Herr Doktor ist nicht zu Hause und auf absehbare Zeit auch leider unerreichbar!“ Nur dies, oder gar Stille...

Bald war auch das Spottwort gefunden: „Koffer-Streik“. Appell an den leicht erregbaren Sozialneid. Wenn Ärzte streiken, da sieht und hört man nichts von schlürfenden Schritten beim Marsch der Demonstration auf dem Großstadtpflaster. Da wird ganz einfach der Gepäckraum des Autos gefüllt, das Steuer in die Hand genommen und ab gehts ins Ausland.