Shakespeare, von Orff eingerichtet

Württembergisches Staatstheater, Stuttgart

Mendelssohns Musik zum "Sommernachtstraum" durch eine neue zu ersetzen, hatte einmal politische Gründe. Mendelssohn war Jude. Hans Pfitzner, der mit anderen von den Nationalsozialisten einen "Auftrag" erhalten sollte, lehnte ab: Er habe keine Lust, sich vor Mendelssohn zu blamieren. Carl Orff stellte 1939 in Frankfurt am Main eine eigene Bühnenmusik zur Verfügung. Inzwischen ist er bei seiner sechsten Fassung angelangt. Schon die fünfte (1952 von Selber in Darmstadt, Bochum und München inszeniert) ließ die Lebensfähigkeit von Orffs Shakespeare-Musik erkennen. Obwohl Sellner der Wortdichtung die romantische Poesie ausgetrieben hatte, blieb der Eindruck im Gedächtnis: Orff hat nicht nur als Musiker, sondern als Dramaturg komponiert. Da er sich in den poetischen Teilen gar nicht so weit von der Romantik entfernt, müßte nach Orffs Musikdramaturgie noch ein anderes Werkbild zu inszenieren sein. Das hat in Stuttgart Dietrich Haugk unternommen: "nach der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel eingerichtet und mit Musik versehen von Carl Orff (Stuttgarter Fassung)".

Im Mittelpunkt hält sich weiterhin das Rüpelspiel. Ihm hat Orff eine von seiner "Klugen" her bekannte, kirmeshafte Deftigkeit gegeben. Für Haugk Anlaß genug, Regie-Einfälle sich zur Freude des Publikums überpurzeln zu lassen. Hans Herrmann-Schaufuß schießt in diesem Bezirk als Zettel und Pyramus den Vogel ab. Der tragische Hauch eines panisch Verwandelten, wie ihn bei den Hersfelder Festspielen 1963 Johannes Schauer fühlen ließ, blieb ungespielt. Er findet sich auch nicht in Orffs Musik. Dagegen wurde der sehrenden Sinnlichkeit, wie sie aus Orffs "Bernauerin" in seine "Sommernachtstraum"-Musik übergegangen ist, diesmal szenisch Raum gegeben. Daran waren die phantastische Ausstattung durch Roman Weyl und seine sich buchstäblich zauberhaft verwandelnden Bühnenbilder wesentlich beteiligt. Haugk verstärkte im Spiel sinngemäß das faunische Element. Bedeutsam erschien in diesem Zusammenhang der Droll (früher Puck genannt) von Karl Renar. Durch choreographische Mittel (Salvatore Poddine) wurde das Quartett der höfischen Liebespaare mit seinen sexuellen Wünschen verdeutlicht, ohne indezent zu wirken. Es gelang, dem Rüpelspiel ein Äquivalent durch Pans Zauber zu schaffen (Oberon: Ulrich Matschoss, Titania: Hilde Mikulicz).

Insgesamt zeugt die Neuinszenierung des "Sommernachtstraums" vom hohen Niveau des Stuttgarter Staatsschauspiels. Indem Dietrich Haugk seine eigene Phantasie zügelte, gewann er den Darstellern Präzision in der Diktion und (auch in Wiederholungsvorstellungen) niemals aussetzende Intensität des Spiels ab. So darf dieser Shakespeare-Abend zu den wichtigsten deutschen Unternehmungen im Shakespeare-Jahr gezählt werden. Johannes Jacobi