W. A., Düsseldorf

Statt das Thema – endgültig oder einstweilen – auf Eis zu legen, erhitzen sich die rheinischen Gemüter in der "Brötchenfrage" immer mehr: Werden die Knuspersemmeln auf dem Altar des sozialen Fortschritts geopfert oder nicht?

In Düsseldorfs "Rheinischer Post" entbrannte darüber eine heftige Leserdiskussion. Vor allem der Begründung von Seiten der Gewerkschaft für ein verlängertes Nachtbackverbot (bis 6 statt bis 4 Uhr früh) wurde eifrig widersprochen. "Den Beweis für das Argument einer hohen Krankheitsquote sind die Gewerkschaften ... schuldig geblieben ...", schrieb Bäckerobermeister Hans Kuhlen aus Willich, "da es einfach gar nicht stimmt! Beispielsweise hat die Innungskrankenkasse des Kreises Kempen-Krefeld am 1. Januar 1964 die Beiträge von 9,5 auf 9 Prozent gesenkt, während die großen Krankenkassen zum größten Teil bei 11,5 Prozent und noch höher liegen. Die Frühinvalidität speziell im Backgewerbe ist ebenfalls ein Phantasieprodukt und widerlegt sich durch die ständigen Arbeitsjubiläen von 30, 40, 50 und mehr Jahren!" Und: "95 Prozent der Arbeitnehmer im Bäckerhandwerk gehören nicht den Gewerkschaften an und werden trotzdem über Tarif (mit Spitzenlöhnen) bezahlt. Wird in den Gewerkschaften nur vom grünen Tisch mit attraktiven Forderungen Sozialpolitik gemacht? Genügt da die Forderung von 5 Prozent Arbeitnehmern, einer Handvoll Unzufriedener oder Hitzköpfen oder gar der Unwille von Langschläfern?"

Der Schreinermeister Hüttemann aus Oberkassel sekundierte seinem Kollegen von der andern Zunft: "Die Herren von der Gewerkschaft sind eben Weltverbesserer mit leider wenig Verstand. Es gibt verschiedene Berufe, und den seinen kann sich jeder selber aussuchen... Klar, daß auch die Arbeitszeiten verschieden liegen ... Der Vergnügungsbetrieb kann ja auch nicht auf den Nachmittag verlegt werden."

Erst im Kriegsjahr 1915 ...

"Geht es nicht auch ohne Brötchen?" fragte die elfjährige Schülerin Christine Heinemann aus Nütterden über Kleve und antwortete apodiktisch: "Ich meine wohl. Selten esse ich Brötchen zum Frühstück. Erstens geben sie keine Kraft und zweitens halten sie nicht lange satt." Rhetorische Frage und empirische Feststellung der jungen Dame wurden durch Dr. med. Heinrich Schrocten aus Moers präzis bestätigt: "Aus ärztlicher Sicht... eine Fehlernährung und .. eine Stcpfkost. Es ist als Dauernahrung, auch wenn man täglich nur ein Brötchen ißt, abzulehnen."

"Es gibt doch genügend Ersatz für frische Brötchen", schloß Schülerin Christine ihren Brief und brach noch schnell eine Lanze für ihre männlichen Altersgenossen: "Die Bäckerjungen sollen sich doch ausschlafen, wie alle anderen Leute auch." Doch der Schüler Wolf gang Storm meldete sich "im Namen aller Brötchenboten" zu Wort: "Sollten die Bäcker ihren Arbeitsbeginn auf sechs Uhr verlegen, so müßten viele... auf ihr allwöchentliches Taschengeld verzichten."