H. J., Trier

Der Fischereiverband Rheinland-Pfalz hat gegen den Bund drei Musterprozesse angestrengt und Schadenersatz gefordert. Die Moselfischer machen geltend, daß der Fischbestand der Mosel im Verlauf der Kanalisierungsarbeiten derart gelitten habe, daß die Fangerträge zum Teil um mehr als 80 Prozent zurückgegangen seien. Die Bundesregierung als Unternehmerin des Moselausbaues hat bisher die Schadenersatzansprüche mit wenigen Ausnahmen zurückgewiesen. Viele Fischerfamilien sind dadurch in wirtschaftliche Not geraten, zumal die Umgestaltung des Flusses eine kostspielige Umstellung der Fischereibetriebe auf neue Fangmethoden notwendig macht, die von den schwergeschädigten Fischern aus eigenen Mitteln nicht finanziert werden kann.

"Fünf Jahre war in meinem Fangbereich die Hölle los", sagte der Fischermeister, den ich an einer noch baufrischen Mosel-Staustufe auf seinem Aalkutter besuchte. "Jetzt endlich herrscht wieder Ruhe hier, aber..." – er zeigte bekümmert auf seinen Fang: Da lagen Aale, die auf die grausamste Weise verstümmelt waren, ohne Kopf, ohne Schwanz, in Teile geschnitten, Reste von Fischen, die auf ihrer Wanderung flußabwärts in die Turbinen des Kraftwerks geraten waren. Nach den bisherigen Feststellungen werden rund 23 Prozent aller Aale auf ihrer Wanderung auf diese Weise verletzt. Daß ein solches Massaker möglich ist, muß nicht nur den Fischer, sondern jeden Tierfreund erschüttern.

Die Misere der Moselfischer begann im Frühjahr 1958 mit dem Einsatz von Naßbaggern, zu denen sich mit dem Fortgang der Ausbauarbeiten Sprenggeräte und Peilschiffe, Kies- und Lastenkähne gesellten. Planierraupen und Dampfhämmer sorgten für durchdringenden Lärm, so daß vor allem der mit Aalhamen durchgeführte nächtliche Fischfang, also die Großfischerei, empfindlich behindert und nicht selten lahmgelegt wurde. Aber auch die Kleinfischerei mit Reusen, Aalschnüren und Stellnetzen hat gelitten. Monatelang war das Fischen mit Lebensgefahr verbunden. Durch den Verlust wertvoller Netze, die von Schiffsankern, Verankerungstrossen und Schiffsschrauben erfaßt und zerrissen wurden, entstand zusätzlicher Schaden.

Der Fischbestand wurde durch die Sprengungen der Felspartien auf der Flußsohle stark in Mitleidenschaft gezogen. Verschiedentlich beanspruchten die Ausbaubehörden für das Bauvorhaben wertvolles Fischereigelände, wie Altwasserarme und Flußabschnitte mit Buhnenfeldern und üppigem Pflanzenwuchs, die vorher ein Dorado für alle Fischarten waren. Auf diese Weise gingen die Laichwiesen, die "Kinderstuben" der Moselfische, und ergiebige Fanggründe verloren. Beim Ausfüllen der Altarme und Buhnenfelder wurden die Fische oft einfach zugeschüttet. Zvar bemüht man sich an verschiedenen Stellen noch vorhandene Laich- und Winterungsplätze zu erhalten und zugunsten der Fischerei auszubauen; auch wurden neue Stillwasserzonen angelegt. Aber dies genügt den Fischern nicht.

Nachdem an den verschiedenen Staustufen die Wehrpfeiler fertiggestellt und die Wehrverschlüsse eingebaut waren, konnten die Fische nicht mehr ihrem Wandertrieb flußabwärts folgen. Die Staumauern bildeten ein unüberwindliches Hindernis. Diesem Übelstand, dem man vorsorglich mit dem Einbau von Fischpässen Rechnung trug, ist inzwischen abgeholfen. Man hat bereits beobachtet, daß die Fische sich an die "Treppen" gewöhnt haben, auf denen sie die Staustufen überwinden können. In jedem Wehrpfeiler sind besondere Aalleitern eingebaut, das sind mit Faschinen umkleidete Ketten, an denen sich die Jungaale beim Aufstieg in die Mosel "hochturnen" können.

Als Verhängnis für die Moselfische, insbesondere für den Aal, den "Brotfisch" des Moselfischers, erwiesen sich die Turbinen der Kraftwerke. Die Versuche, den Aal mittels elektrischer Fischabweiser von den Turbinen abzulenken, erwiesen sich oft als unwirksam. Zu allecem droht den Moselfischen mit Beginn der Großschiffahrt noch eine neue Plage: Die Verschmutzung des Wassers durch Dieselöl.