Von Karl Adam

Die Bedeutung der Leibesübungen für die Gesunderhaltung des Menschen in einer technischen Zivilisation wird in Westdeutschland kaum bestritten. Dagegen beurteilt man den Wert des Leistungssports, der sich Entwicklung maximaler körperlicher Leistungsfähigkeit und ihre Erprobung im Wettkampf zum Ziel setzt, in der Bundesrepublik sehr unterschiedlich. Enthusiastischer Anteilnahme der Majorität steht die skeptische oder ablehnende Haltung führender Intellektueller und Politiker gegenüber. Nach zehnjähriger intensiver Arbeit an den modernen Trainingsmethoden habe ich die Überzeugung gewonnen, daß die Frage, ob und wie der Leistungssport in unserem provisorischen Gemeinwesen gefördert, eingeschränkt oder geduldet werden soll, jetzt geklärt werden muß.

Diese Notwendigkeit ergibt sich aus der Tatsache, daß die kommunistischen Staaten den Leistungssport systematisch und mit großer Wirkung als politisches Propaganda- und Kampfmittel benutzen. So sind zum Beispiel die staatlich geförderten Sportler der DDR dabei, die Majorität in der gesamtdeutschen Olympia-Mannschaft zu erobern, obwohl das Verhältnis der Bevölkerungszahlen fast 4 : 1 gegen sie steht. Damit würde der verantwortliche Chef der Mannschaft nach einer sachlich völlig unangreifbaren Vereinbarung von der DDR gestellt werden, während die Bundesrepublik politisch den Anspruch erhebt, die einzig legitime Vertretung aller Deutschen zu sein. Die Sowjetunion erobert in immer mehr Sportarten (Kunstturnen, Gewichtheben, Amateurboxen, Leichtathletik) die Hegemonie in Europa und der gesamten Welt und wertet diese Erfolge propagandistisch aus.

Demgegenüber sind für uns zwei Haltungen möglich:

1. Man stellt sich auf dem Standpunkt, Sport darf mit Politik nichts zu tun haben.

2. Wir nehmen das Spiel auf und versuchen unsererseits, den Leistungssport als Mittel der Politik zu gebrauchen.

Bisher haben wir im großen und ganzen die erste Alternative gewählt. Die Durchführung und Entwicklung des Leistungssport blieb der Initiative einzelner und ihrer freien Zusammenschlüsse in Klubs und Verbänden überlassen. Das Verfahren hat Vorteile, weil lästiges Reglementieren eingeschränkt bleibt. Im Rudersport hat es dazu geführt, daß die nach dem zweiten Weltkrieg bis etwa 1956 bestehende russische Hegemonie durchbrochen wurde. Da ich an diesem Vorgang in vorderster Linie beteiligt war, kann ich mir ein Urteil zutrauen: So etwas wird sich ebensowenig wiederholen, wie die große naturwissenschaftliche Entdeckung im Alleingang mit geringem Aufwand, die Conrad Röntgen zuletzt demonstriert hat. Auch im Hochleistungstraining lassen sich heute nur noch Erfolge erzielen durch einen Aufwand an Zeit, Geld, Methodik, Scharfsinn und Forschung, der über die Möglichkeiten des einzelnen Manne:, des Klubs, ja sogar des Verbandes hinausgeht.