Im Jahre 1961 erschien im List Verlag ein von Wolfgang Weyrauch ediertes Taschenbuch "Ich lebe in der Bundesrepublik". In seinem programmatischen Vorwort vermerkte der Herausgeber damals unter anderem: "Motiv: Ich liebe meine Heimat. Weil ich sie liebe, sorge ich mich um sie. Weil ich mich um sie sorge, habe ich diesen kleinen und unvollständigen Band zusammengestellt und herausgegeben ... Wunsch: Ich scheue mich nicht... an den Schluß meiner Bemerkungen zu setzen: möge dieses Buch, zu seinem kleinen Teil, dazu beitragen, aus der BRD ein Modell zu machen, ein Modell des Maßes, der Vernunft und einer friedlichen Ordnung."

Ein gutes, klares Programm mit einem nützlichen Ergebnis: von Martin Beheim-Schwarzbach über Helmut Gollwitzer bis zu Martin Walser wurde kritischer Bericht erstattet über das, was sich Bundesrepublik nennt, "Fünfzehn Deutsche über Deutschland", wie die Unterzeile ankündigte.

Soeben ist nun das Ami-Buch zu diesem Buch erschienen: "Ich lebe nicht in der Bundesrepublik", herausgegeben von Hermann Kesten. In diesem Bändchen kommen, wie der Klappentext ankündigt, die "Stimmen derjenigen zu Wort, die erlebt haben, was es heißt, die Heimat zu lieben und von der Heimat verflucht zu werden". Also die, die während des Dritten Reiches aus dem Lande gejagt wurden, die flohen, um Schlimmerem zu entfliehen, und die keinen hinlänglichen Grund sahen, nach 1945 die Bundesrepublik als einen adäquaten Ersatz für das Verlorene zu betrachten.

Wiederum: ein guter Plan. Schon Thomas Mann hat sich seinerzeit sehr verwundert über die verständnislos-naive Art, in der er, kaum daß die Kapitulation unterzeichnet war, zur Rückkehr aufgefordert wurde, und ihm sein Zögern, seine Hinweise auf die Vergangenheit und die Gegenwart verübelt wurden.

Das "Darum nicht" der Außenstehenden, die wider Willen zu Außenstehenden gemacht wurden, wäre vielleicht noch wichtiger und aufschlußreicher als die Stimmen aus bundesrepublikanischen Eigenreihen. Viel zu wichtig, andererseits, als daß man diese Aussage durch eine willkürlich-krause Zusammenhäufung der Beiträge verwischen dürfte. Die Frage "Warum nicht?" ist doch wohl nur sinnvoll, wenn man sie an Menschen stellt, die einen Grund haben könnten, eben doch in der Bundesrepublik zu leben. Leute also, deren Heimat das war, was früher Deutschland hieß und heute etwas schwieriger zu benennen ist.

Welchen Sinn hat diese Frage dann bei Max Brod, der 1884 in Prag geboren wurde, seit 1939 in Tel Aviv lebt und der selber leicht verwundert antwortete: "Ich habe... nie in der Bundesrepublik gelebt – sondern in Prag. Nach Deutschland bin ich immer nur zu Besuch gekommen." Bei Erich Fried (geboren 1921 in Wien), der fragt: "Warum soll ich eigentlich in der Bundesrepublik leben? Ich habe noch nie in Deutschland gelebt." Bei Hans Habe geboren 1911 in Budapest, bei Ossip Kalenter, der zwar 1900 in Dresden geboren wurde, aber schon seit 1924, als Hitler noch in Festungshaft saß, in Italien lebte. Bei Jakov Lind, der Österreicher von Geburt ist, Robert Neumann, der sagt: "Ich habe vor dem Tausendjährigen Reich nie länger als zwei Wochen in continuo in Deutschland gelebt – warum sollte ich gerade jetzt nach Deutschland ziehen?" Und warum sollte Meines Sperber, der in Zablotow geboren wurde und in Wien studierte, eigentlich den dringenden Wunsch verspüren, in der Bundesrepublik leben zu wollen?

Dieser herausgeberische Übereifer ist einerseits natürlich rührend, hat die Argumentationsbasis vielleicht sogar erweitert, aber dafür die Dokumentation so ganz nebenbei aus dem Auge verloren. Und das ist schade. Der Verlag hätte bei dem Herausgeber gleichzeitig noch einen Band in Auftrag geben sollen: "Was habe ich gegen die Bundesrepublik?" (und den hätte er zur Not auch ganz allein bestritten).