Rom, im April

Giulio Andreotti, Italiens Verteidigungsminister, der soeben in Bonn zu Besuch weilte, ist im Kabinett Moro der Mann mit der längsten Regierungserfahrung. Dem Durchschnittsitaliener erscheint er als das Regierungsmitglied, das immer war und vermutlich immer sein wird. Die christdemokratische Partei hat ihn in der Consulta Nazionale 1946 zum Deputierten für die konstituierende Versammlung gewählt und im Juni 1947 hat ihn De Gasperi als Staatssekretär des Ministerpräsidiums in die Regierung genommen. Seither ist Andreotti immer "dabei" gewesen, mit der einzigen Ausnahme der Achtzehn-Monate-Regierung Scelba 1954/55 und zwar als: Innenminister, Finanzminister, Schatzminister und schließlich jetzt zum viertenmal als Verteidigungsminister.

Dieser Mann mit der längsten Regierungsverantwortung gehört auch heute noch, nach siebzehn Jahren, zu den jüngsten Ministern. Er ist im vergangenen Januar erst 45 Jahre alt geworden. Für den Durchschnittsitaliener ist Andreotti ein junger Mann und wird es immer bleiben. Wenn seine Schultern krumm geworden sind, dann ist es nicht die Last des Alters, unter der sie sich beugten. Bei Photos ist schwer festzustellen, aus welcher Zeit sie stammen: das dunkle, glatte, immer peinlich genau zurückgekämmte Haar mit dem leichten Brillantineglanz darauf ist immer gleich dicht, das Gesicht immer gleich faltenlos geblieben. Er wirkt stets blaß, denn Andreotti kommt seit Jahren nur mehr an die frische Luft, wenn er irgendwo am Grabe des Unbekannten Soldaten einen Kranz niederlegen muß oder wenn er die Reihen einer angetretenen Ehrenkompagnie abzuschreiten hat.

Gewiß taucht er auch gelegentlich einmal bei Manövern auf, aber man hat nicht feststellen können, daß ihm solche Ausflüge Freude machen. Von allen Verteidigungsministern, die Italien jemals gehabt hat, ist er der am wenigsten martialische. Neben den Generälen wirkt er stets als hoffnungslos verlorener Zivilist, der es kaum erwarten kann, zu seinen Büchern und Akten zurückzukehren. Andreotti ist, wie italienische Minister häufig, in vielen Bereichen zu Hause, aber sein internationales Ansehen verdankt er dem Posten als Verteidigungsminister – der gerade ihm von allen am wenigsten auf den Leib geschrieben ist. In allen NATO-Ländern haben die Verteidigungsminister gewechselt, nur der italienische ist immer der gleiche geblieben; kein Wunder, daß das Pentagon froh ist, seit über fünf Jahren in Rom einen Politiker zum Partner zu haben, dessen Ideen und dessen Einstellung hinlänglich bekannt und erprobt sind.

Seine Ideen sind klar, und er vertritt sie mit Beharrlichkeit. Zwar ist Andreotti Anhänger eines gewissen Pragmatismus, aber nur als Methode, nicht als Idee. Er hat Koalitionsregierungen angehört und solchen, die nur von einer Partei gebildet waren. Er war in Kabinetten, die nach rechts tendierten, sich genau in der Mitte hielten, oder Linkstendenzen hatten, wie die beiden letzten. Er weiß, daß das wichtigste Gebot für einen Politiker lautet: dabei zu sein. Hätte er es nicht gewußt, würde es ihn das Beispiel seiner Parteifreunde Scelba und Pella gelehrt haben. Trotzdem hat sich Andreotti niemals etwas vergeben und in keiner seiner brillanten Reden – wie viele Jahre sie auch zurückliegen mögen – findet sich etwas, das er lieber nicht gesagt haben würde.

Demokratie, Katholizismus, Antikommunismus sind die Leitmotive seines politischen Handelns. In Italien mag viel geschehen, aber solange Andreotti Verteidigungsminister ist, das wissen die Amerikaner und die anderen NATO-Partner genau, kann man sicher sein, daß bestimmte Dinge nicht passieren können. Diese Zuverlässigkeit hat ihm die Sympathien der Verbündeten eingetragen und die Botschaft der Bundesrepublik, zumindest in der Ära Klaiber, war geradezu verliebt in ihn. Sie hätte ihn am liebsten als künftigen Regierungschef Italiens gesehen und weil sie es so gern wollte, meldete sie ihn auch als Favoriten nach Bonn.

Wenn aber Andreotti auch immer noch eine Persönlichkeit ist, auf die keine Regierung verzichten kann, so ist seine politische Potenz doch deutlich im Abnehmen. Die von ihm geführte Gruppe "Primavera" ("Frühling") in der Democrazia Cristiana ist praktisch ein Anhängsel der Mehrheitsgruppe der"Dorotheer" geworden; sie verwaltet das Erbe De Gasperis, und hat seit dem Parteikongreß im Januar 1962 ihre Autonomie eingebüßt.