Gelassener, als O. W. Fischer wohl reagieren würde, wenn Filmfans ihn mit Card Jürgens verwechselten, ließ es sich Heinz Kühn beim Godesberger Parteitag der SPD gefallen, daß Autogrammjäger ihn ansprachen: "Genosse Erler, Ihre Unterschrift, bitte!"

In der Tat sehen Fritz Erler und Heinz Kühn sich ähnlich. Sie ähneln sich auch in ihren intellektuellen Qualitäten. In ihre Gehirne scheint ein Schnellganggetriebe eingebaut zu sein, das die Übertragung vom Denkapparat auf den Sprechmechanismus beschleunigt.

Sollte auch für Heinz Kühn gelten, was man seinem Parteifreund Fritz Erler nachsagt, er tue sich schwer "sub specie televisionis", dann könnte dieses Bildschirm-Trauma der Schlüssel dazu sein, daß er besonders gründlich über die Frage der Massenwirkung durch die Massenmedien in der Massengesellschaft nachgedacht hat. Diese Denkergebnisse haben dazu beigetragen, aus ihm den bisher aktivsten Werber für eine Aufwertung des Oppositionsführers im Parlament zu machen.

Dieser scharf denkende, schnell reagierende Mann, Jahrgang 1912, ein Kölner wie Konrad Adenauer, Sohn eines zugewanderten schlesischen Tischlers und einer kölnischen Patriziertochter, vom Vater sozialistisch, von der Mutter katholisch erzogen, Sozialdemokrat seit seinem 18. Lebensjahr, Wanderer durch die Gefährdungen und Erfahrungen der Emigration, nach der Heimkehr Redakteur bei der ruhmreichen "Rheinischen Zeitung" und sozialdemokratischer Politiker der ersten Nachkriegsstunde, ist heute Landesvorsitzender des größten deutschen SPD-Verbandes. Dieser Mann, der in vielen parlamentarischen Gremien in Düsseldorf, Bonn, Straßburg und Brüssel gewirkt hat oder noch am Wirken ist, der die Welt und die Mächtigen kennt, – er müßte wissen, was es heißt, zur Opposition zu gehören.

"Ja, mein ganzes parlamentarisches Leben lang habe ich auf den Bänken der Opposition gesessen – erst im Düsseldorfer Landtag, dann zehn Jahre im Bundestag und jetzt wieder im Parlament von Nordrhein-Westfalen."

"Ergibt sich bei einer so langen ‚Wartezeit‘ für eine Partei nicht eine Art von ‚Getto-Komplex‘?"

"Durchaus nicht! Dafür sorgt schon das föderalistische System, das den Sozialdemokraten in mehreren Bundesländern die Teilnahme an der Regierung sichert. Außerdem haben sich Wesen und Wirkung der Opposition weitgehend gewandelt. Opposition heißt keineswegs mehr nur Verneinung oder Alternative. Wir bejahen diesen Staat, und seine Verfassung ist auch unsere Verfassung. Opposition bedeutet für uns neben Kritik und Kontrolle auch Anregung und Mitarbeit. Gelegentlich kann es sogar dazu kommen, daß ein Mann der Opposition den Regierungschef herauspauken muß ..."