Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: Die Dortmund-Hörder Hüttenunion AG, Dortmund, gehört nicht gerade zu den Glückskindern an der Ruhr. Seit Jahren rangiert das Unternehmen, dessen Großaktionär der holländische Stahlkonzern Hoogovens en Staalfabrieken N. V. Ijmuiden mit 42 Prozent des Kapitals ist, am unteren Ende der Stahlindustrie. Das war in den Jahren der Stahlhausse schon nicht zu übersehen, und noch augenfälliger ist das Dilemma der Hüttenunion naturgemäß geworden, seitdem das Barometer am Stahlmarkt auf Sturm zeigt. Jetzt läßt sich daran nicht mehr vorbeidiskutieren: Die Hüttenunion schneidet nicht nur bei einem Vergleich mit anderen Hüttenwerken schlecht ab –, das Unternehmen ist schwerkrank, und welchen Erfolg die jetzt angewandte Therapie haben wird, steht durchaus nicht von vornherein fest. Die letzten Zweifel, wie es um die Hüttenunion steht, hat das vergangene Geschäftsjahr beseitigt. Zugegeben, daß das Jahr 1963 allenthalben im Revier wohl das schwierigste Jahr seit dem Wiederaufbau der deutschen Schwerindustrie nach dem Kriege war. Aber während das Gros der Hüttenwerke an der Ruhr eine Dividendensenkung um 2 Punkte – von 12 auf 10 Prozent – vornehmen mußte, ohne dabei allerdings auf Abschreibungsmöglichkeiten zu verzichten, kann Dortmund-Hörde nicht nur keine Dividende zahlen, sondern muß außerdem einen Bilanzverlust von 34 Millionen DM ausweisen.

Dieses Ergebnis kommt nicht von ungefähr. Die im vergangenen Jahr in der gesamten Stahlindustrie spürbaren Marktschwierigkeiten mit ihren Auswirkungen auf die Ertragslage der einzelnen Werke waren in Dortmund-Hörde nur noch der Tropfen, der das Faß zum Überläufer, gebracht hat. Die Vorteile, die die Hüttenunior. seinerzeit hatte, als das Unternehmen mit der größten Rohstahlkapazität der westdeutscher Hüttenwerke aus der Entflechtung hervorging, sind längst passé. Geblieben aber ist der relativ ungünstige Standort Dortmund, ein Nachteil, der zwar – wie das Beispiel der benachbarten und heute so sehr gut im Rennen liegenden Hoesch AG zeigt – hätte ausgeglichen werden können. Das wurde jedoch versäumt. Zusätzliche Belastungen ergeben sich aus einem ungünstigen Walzprogramm und vor allem aus der unrentablen Verteilung der Produktion auf zwei Werke. Die Erzeugung von Roheisen und Rohstahl in zwei örtlich getrennten Betrieben muß zwangsläufig dann kostenmäßig ungünstig ins Gewicht fallen, wenn in Zeiten des Auftragsmangels der geringere Auslastungsgrad zu Kostensteigerungen, und zwar hier zu doppelten Kostensteigerungen führt Diesen so entscheidenden Strukturfehler zu beheben, hatte die Investitionspolitik des Unternehmens bisher ganz offensichtlich versäumt. Ein gewisser Ausgleich, etwa durch weiterverarbeitende Werke, welche die Lasten der ersten Produktionsstufen zwar nicht schmälern aber immerhin mittragen helfen, fehlt bei der Hüttenunion ebenfalls weitgehend.

Ausgesprochenes Pech hatte die Dortmunder Gesellschaft überdies auch noch mit ihrer größten Tochtergesellschaft, der Hüttenwerke Siegerland AG. Jahrelang wartete die Hüttenunion auf die Realisierung der Verbindung mit dem Siegener Feinblechproduzenten, weil erst die August Thyssen-Hütte ihren Siegerlandanteil veräußern mußte, ehe die Hohe Behörde es zuließ, daß die DHHU dort ans Ziel ihrer Wünsche gelangen durfte. Unglücklicherweise aber ist die heißersehnte Tochter Siegerland mit ihrer Feinblech-Monokultur ebenfalls in den Strudel der Marktschwierigkeiten geraten, so daß die ohnehin schon kränkelnde Mutter von dort zunächst keinerlei Hilfe zu erwarten hat. Ganz im Gegenteil, auf die Dauer wird Dortmund-Hörde sogar kaum daran vorbeikommen, auf die Siegerland-Beteiligung Abschreibungen vorzunehmen. Der Buchwert von 120 Millionen entspricht den Aufwendungen, welche die Hüttenunion für den Erwerb der HWS-Aktien gemacht hat, und das ist erheblich mehr als die 91prozentige Beteiligung heute an der Börse wert ist...

Im vergangenen Geschäftsjahr hat die Verwaltung nun einen entscheidenden Schritt getan, um die längst überfällige Rationalisierung der Produktion nachzuholen. Eine späte, aber begrüßenswerte Initiative, die allerdings zunächst einmal für das Unternehmen einen Kraftakt erster Ordnung bedeutet. Nachhaltige Maßnahmen zur Besserung der wirtschaftlichen Lage der Gesellschaft hatte Aufsichtsratsvorsitzender, Hermann J. Abs, in der letzten Hauptversammlung den Aktionären versprochen. Im Herbst des vergangenen Jahres wurde es deutlich, was er damals meinte: Die Roheisen- und Thomasstahlerzeugung im Werk Dortmund sind stillgelegt worden. Erleichtert wurde dieser Entschluß durch die im Mai des Berichtsjahres erfolgte Inbetriebnahme des neuen Oxygen-Stahlwerkes in Hörde. Eine Konzentration auf rentablere Anlagen ist damit eingeleitet worden. Die Hüttenunion-Verwaltung verspricht sich einen bedeutenden Rationalisierungseffekt. Nach dem Konzentrationsprozeß sind von acht Hochöfen noch vier in Betrieb, und an die Stelle von 11 Thomasstahlkonvertern sind zwei LDAC-Konverter getreten. Die Belegschaft konnte im Zuge dieser Aktion um über 2000 Mann verringert werden, von 19 426 zu Beginn und 17 260 am Ende des Berichtsjahres.

Mit dieser Konzentration hatte das Unternehmen im Berichtsjahre aber zunächst auch einige harte Brocken zu schlucken. Die Stillegung der alten Anlagen haben Sonderabschreibungen in Höhe von 36 Millionen DM erfordert. Sie sind die Ursache für den exorbitant hohen Bilanzverlust des Berichtsjahres. Aus dem laufenden Geschäft war hierfür kein Ausgleich zu erzielen; denn auch ohne diesen Sonderposten wäre wohl keine Dividende mehr "drin" gewesen. Von den Marktschwierigkeiten war das Dortmunder Unternehmen noch stärker betroffen als das Gros der Hüttenwerke im Revier. Der Umsatz der Hüttenunion ging um 13,6 Prozent auf 834 (966) Millionen DM zurück. Um 12,7 Prozent mußte die Rohstahlerzeugung eingeschränkt werden. Im Konzern betrug der Fremdumsatz 1,43 nach 1,57 Milliarden DM. Erlösrückgänge und Kostensteigerungen auf Grund der z. T. höchst unbefriedigenden Kapazitätsauslastung haben die Ertragslage empfindlich beeinflußt. Bei der Tochter Siegerland sieht das Bild auch nur auf den ersten Blick um Spuren freundlicher aus. Umsatz- und Produktionsrückgänge sind geringer als bei der Muttergesellschaft. Das Feinblech hatte auch in dem schwierigen Jahr 1961/62 seinen Markt, aber Erlöseinbrüche waren hier ebenfalls zu verkraften.

Das merkte indirekt auch Dortmund-Hörde; denn der an die Muttergesellschaft abgeführte Organgewinn schrumpfte im Berichtsjahre auf 0,47 (2,1) Millionen DM zusammen. Damit ließ sich in der Tat kein Loch mehr stopfen ... Die lachenden Dritten sind diesmal lediglich die freien Aktionäre der Hüttenwerke Siegerland, denen noch 9 Prozent des 46 Millionen DM ausmachenden Kapitals gehören. Sie erhalten die ihnen nach dem Organvertrag garantierte Dividende von 10 Prozent, eine Ausschüttung, die sie kaum erhalten haben würden, wenn sie darauf keinen vertraglichen Anspruch hätten! I. N.