In Seattle im amerikanischen Bundesstaat Washington an der pazifischen Küste gibt es elf Menschen, die eigentlich längst tot sein müßten, denn bei ihnen allen ist die Funktion beider Nieren durch einen entzündlichen Prozeß seit Jahren zerstört. Und trotzdem gehen alle elf ihren Berufen oder ihrer Hausarbeit nach, und alle fühlen sich wohl dabei. Von ihren normalen Mitmenschen unterscheiden sie sich nur durch einen Verband am linken Unterarm, den sie sorgsam pflegen. Dieser Verband schützt ein kleines U-förmiges Plasticröhrchen, dessen eines Ende in einer Vene und dessen anderes in einer Arterie chirurgisch fixiert ist.

An zwei Abenden in jeder Woche verabschieden sie sich von ihren Angehörigen, um sich auf eine Spezialstation des Swedish Hospital in Seattle zu begeben. Dort wird das Plasticröhrchen an eine "künstliche Niere" angeschlossen, und diese Maschine entfernt während der Nachtstunden die giftigen Stoffwechselprodukte, die sich im Blut angesammelt haben. Am nächsten Morgen wird das Röhrchen mit einem neuen Verband verschlossen, und dann sind diese Menschen für drei bis vier Tage wieder in der Lage, "aus eigener Kraft" zu leben. Es ist ein geborgtes Leben. Jeder von ihnen weiß, daß er sterben muß, wenn er – aus was für Gründen auch immer – die sein Leben erhaltende Maschine nicht pünktlich aufsticht, zweimal in jeder Woche, für den Rest seines Lebens.

Obwohl es sich hier um eine medizinische Sensation handelt – einige dieser Patienten haben ihren "klinischen Tod" bereits um zwei Jahre bei vollem Wohlbefinden überlebt! – wurde das ganze Projekt mit solcher Sorgfalt geheimgehalten, daß erst jetzt die ersten Einzelheiten an die Öffentlichkeit gelangten. Der Grund für diese Geheimhaltung ist die Erkenntnis, daß die aufsehenerregende Leistung der Spezialisten des Swedish Hospital nicht nur zu einem Triumph der modernen Medizin, sondern gleichzeitig auch zu einer Situation geführt hat, die ein im Grunde unlösbares menschliches Problem aufwirft: Auf jeden der klinisch Geretteten, wenn auch für alle Zukunft von der Maschine Abhängigen, kommen nämlich fünf andere Patienten, die das scharfe medizinische Ausleseverfahren ebenfalls als "geeignete Fälle" passiert haben, denen der Zugang zu der lebensrettenden Maschine aber trotzdem verwehrt werden muß, weil der ungeheure Aufwand der Methode es unmöglich macht, sie in allen Fällen einzusetzen.

Es ist also eine Auswahl unter den Kandidaten notwendig, die für deren Mehrzahl gleichbedeutend ist mit dem Urteil zu einem sicheren und qualvollen Tod. Die ärztliche Leitung des Seattle-Projektes behalf sich in dieser Zwangslage durch die Berufung eines aus Laien gebildeten Komitees, das seine Entscheidungen anonym und in eigener Verantwortung trifft, und zwar auf Grund der sozialen Angaben über die verschiedenen, dem Komitee gegenüber ebenfalls anonym bleibenden Patienten.

Der Fortschritt von Wissenschaft und Technik führt nicht nur zu Triumphen. Die Mitglieder des Komitees in Seattle hat er vor eine Aufgabe gestellt, von der jeder Beteiligte weiß, daß sie grundsätzlich unlösbar ist. Alle wissen aber auch, daß eine Entscheidung unumgänglich ist. Sie haben ihre Wahl bisher elfmal getroffen, aber wie es in der amerikanischen Veröffentlichung heißt: "They do not much like the job." H. D.

Wir entnehmen diese Betrachtung dem ersten Heft der vorbildlichen populärwissenschaftlichen Zeitschrift "Naturwissenschaft und Medizin", die das Pharmazeutische Werk C. F. Boehringer & Soehne GmbH, für Ärzte herausgibt.