Von Christoph Beekh

Vor einem Vierteljahrhundert fuhr ich zum letzten Male nach Prag; der Tag war so naß und grau und schmutzig wie jetzt. Damals war ich ein Junge, der ein Gewehr trug und einen Stahlhelm, und nachts waren wir in der Dresdner Kaserne alarmiert worden, um mit unseren Fahrzeugen nach Prag zu reisen. Wir kamen im Schneetreiben dort an; am Ortsschild "Praha" überholte uns Hitler. Damals wußten wir nicht, was das zu bedeuten hatte, wir waren ja noch Kinder. Bald hieß das alles für uns Krieg, und im Krieg entschwand auch Prag, Böhmen, das wir einst, als Kinder, mit dem Dampfschiff von Dresden befahren hatten auf unserer Elbe. Die Zeit revanchierte sich an uns, wir blieben lange von Prag weg, das wir nicht nur liebten, weil Rilke, Kafka, Werfel von dort gekommen waren, sondern auch weil es so schön war.

Und wieder ein kalter, grauer Tag, aber wir fuhren von Westberlin nicht die uralte Interzonen-Autobahn, wie seit zwei Jahrzehnten fast, sondern die Autobahn nach Dresden. Und der Wagen schien auf der sehr guten Autobahn irgendwie anders zu fahren, denn sie war nicht nur fast leer, sondern wir hatten die Kontrollen passiert, das tschechische Visum war gut, das Transitvisum aus Ostberlin war gut – niemand behelligte uns zwischen Berlin und Zinnwald im Osterzgebirge, der deutschen Grenze.

Vor der Gemäldegalerie in Dresden hielten wir an. Die Stadt, die 1945 so grausam vernichtet wurde, zeigte ihren Zwinger wieder vor, die Hofkirche, Brücken und Ruinen, Einöden und Neubauten. Wir standen ganz allein, ohne offiziellen Begleiter, wieder im Zwinger und sahen die Schönheit, wir drängten uns mit russischen Soldaten vor der Sixtinischen Madonna in der Gemäldegalerie. "Transit" heißt es auf großen Tafeln draußen, Transit, Transit nach Prag. Hier fanden wir endlich Frieden. Und wir wären in diesem friedlichen Dresden geblieben, wenn es gestattet gewesen wäre, aber wir waren Transitreisende nach Prag: Weil die CSSR uns einließ in das böhmische Land, durften wir Dresden wiedersehen; in Dresden bleiben durften wir nicht. Das Durchreisevisum erlaubt nicht zu übernachten. In der Kaserne von einst lagen Soldaten, die aussahen, wie wir einst dort auch aussahen. Wir ließen sie hinter uns, Dresden auch, die traurige, schöne Stadt, und der Wagen nahm den Kamm des Osterzgebirges schnell, er lag im Nebel, aber alles war so nahe: von Berlin nur drei Stunden reine Fahrzeit...

Am tschechischen Zollhaus in Zinnwald ein Wiener Wagen, ein tschechischer Tourist, unser Berliner Wagen. Geldumtausch, Aushändigung eines Heftes für Kraftfahrer mit Tankstellenverzeichnis, "Gute Fahrt"! So einfach ist das. Was lag dazwischen. Aber wir wollen die Vergangenheit vergessen, die doch in Teplitz-Schönau sofort wieder lebendig wurde: das Stadttheater, die Villen, die Häuser waren alt und grämlich, aber es gab sie noch. Im böhmischen Mittelgebirge hing wieder Nebel, dann strömte die junge Elbe an Leitmeritz vorbei, und wir sahen Theresienstadt, die "Kleine Festung" zuerst mit den Mahnmalen an etwas, das so ungeheuerlich gewesen ist, die Stadt selbst, im Kriege jüdisches Getto, nun Kasernengelände. Einen deutsch geschriebenen Führer durch die "Kleine Festung" gab man uns in die Hand, dann waren wir allein. Die Greuel von Dresden, die Greuel von Theresienstadt: sie liegen auf dem Weg nach Prag.

Am frühen Nachmittag erreichten wir diese Stadt. Sie war sofort vertraut, es schien, als kehrten wir in das alte Europa ein, das vor dem Zweiten Weltkrieg war. Auch deshalb sollte man, möglichst mit seinen Kindern, nach Prag fahren und in die anderen Städte dieses Landes: sie müssen sehen, wie Europa sich zeigte, ehe die großen Verwüstungen begannen und die großen Erneuerungen, die Umbauten, Aufbauten, Wiederaufbauten.

Und dann sahen wir die westdeutschen Wagen, die vor den alten Hotels parkten und auf dem Wenzelsplatz. Wir sprachen, auf der Suche nach unserem Hotel, junge Menschen an, aber die verstanden unsere Sprache nicht. Die mittlere und ältere Generation antwortete sofort, sie antwortete freundlich und umständlich, sie blickte auf den Wagen, sagte "Berlin", lächelte und sah zufrieden aus.