Eckart Kleßmann: Napoleons Rußlandfeldzug in Augenzeugenberichten. Karl Rauch Verlag, Düsseldorf. Mit Bildern und Kartenskizzen; 414 Seiten, 19,80 DM.

Eine Geschichte des russischen Feldzuges von 1812 wendet sich heute nicht nur an die Leser, die stets gern ferneren Zeiten nachspüren. Sie geht ganz unmittelbar auch die Lebenden an, vor allem die Deutschen. Noch leben Millionen von denen, die in Rußland gekämpft haben, Millionen jüngerer Menschen haben Teilnehmer des Krieges in Rußland zu ihren Vätern – und Millionen von jungen Menschen haben ihre Väter dort verloren. So ist es, vor mehr als hundert Jahren, schon einmal zahllosen Franzosen, Deutschen, Russen ergangen.

Wenn man dieses Buch liest, dann fällt einem wieder die erschreckende Ähnlichkeit der großen Unternehmungen ins Auge. Hitler hatte mehr als einmal versichert, er werde Napoleons Fehler nicht begehen. Aber im Jahre 1940 erschien eine Napoleon-Biographie von einem Vertrauten Hitlers, dem Reichsleiter Philipp Bouhler. Es gab damals deutsche Leser, die blaß wurden vor Schrecken. Das Buch behandelte Napoleon überraschend freundlich, ganz anders, als die deutsche nationale Überlieferung es wollte. Bedeutete diese geistige Annäherung an einen Toten, daß Hitler Napoleons Fehler doch wiederholen werde? Ein Jahr später wurde die Frage bejaht.

Aber was bedeutet hier das Wort Fehler? Spätestens seit Ranke wissen wir, daß Napoleon die "Eroberungsbestie" nicht war, als die Stein und der jüngere Pitt und die europäischen Völker ihn sahen. Er hätte gern Frieden gehabt, aber England erweckte ihm immer wieder neue Feinde. Den Krieg mit England hätte er nur beenden können, wenn er Belgien herausgegeben hätte. Das wieder hätte ihm sein Volk kaum verziehen. (So fürchtete er zum mindesten.) Der jahrzehntelange europäische Krieg war im Grunde ein Krieg um Belgien, hat Jacques Bainville gesagt; und so war es. Nicht um Rußland zu erobern, ging Napoleon über den Njemen, sondern um England friedenswillig zu machen.

Hitlers Beweggründe für den Krieg gegen Rußland sind nicht ganz so klar, wie wir es wünschen möchten. Aber es gibt eine Theorie, die besagt, er habe Churchill entmutigen wollen, als er 1941 die Offensive befahl, er habe Großbritannien die letzte Hoffnung auf einen Bundesgenossen nehmen wollen. Wäre die Theorie nichtig, dann schlösse sich der Ring, dann wäre Hitlers Feldzug in Rußland wirklich nur eine Kopie von Napoleons Entschluß.

Wie dem auch sei, unsere Zeitgenossen müßten, so sollte man meinen, an dem Schicksal der Großen Armee in Rußland größeren Anteil nehmen als um die Jahrhundertwende unsere Väter, obwohl denen die schrecklichen Ereignisse um eine oder zwei Generationen näher waren.

Der Krieg wird in diesem Buche anschaulicher als durch das dichterische Genie Tolstois, weil die Beteiligten, die Kämpfenden und Leidenden, selber sprechen. Die meisten Schreiber der Briefe und Denkwürdigkeiten erweisen sich als ausgezeichnete Beobachter und als lebhafte Schilderer. Auch da, wo der Stil des Berichtes trockener ist, wirkt die Gewalt der unmittelbar erlebten Ereignisse.