Nur noch "mit Angst" aufwärts

Von Kurt Wendt

Die deutsche Börse hat die ersten Maßnahmen von Bundesbank und Bundesregierung zur Abwehr des Kapitalimports ohne großen sichtbaren Schaden überstanden. Die Einführung von 25 Prozent Kapitalertragsteuern auf die Zinsen tarifbesteuerter deutscher Rentenwerte, soweit sie sich im Besitz von "Gebietsfremden" befinden, schuf nur zunächst einige Verwirrung, die sich durch das ungeschickte Verhalten der für die Kurspflege öffentlicher Anleihen verantwortlicher Stellen noch unnötigerweise vergrößerte. Inzwischen haben sich die Kurse auf dem Rentenmarkt wieder eingependelt, und zwar nur wenig unter dem bisherigen Niveau. Ob aber tatsächlich alles beim alten geblieben ist, wird sich erst dann herausstellen, wenn der Bund, Bundesbahn und Bundespost mit ihren nächsten Anleihen an den Markt gehen. Erst danach kann man beurteilen, wie die Folgen der Bonner Steuermaßnahmen tatsächlich aussehen. Es gibt Optimisten (oder sind es Pessimisten?), die behaupten, je nachdrücklicher die Stabilität der DM verteidigt wird, um so größer ist die Neigung des vagabundierenden Kapitals, sich in ihr zu engagieren. Deshalb sei der Kapitalimport wirkungsvoll nur durch eine rigorose Kapitaleinfuhrsperre zu verhindern.

Ehe es aber dazu kommt, so wird befürchtet, dürften Bundesbank und Bundesregierung mit sogenannten "kleinen" Maßnahmen laborieren. Argwöhnisch werden die Diskussionen über eine mögliche Senkung der Abschreibungssätze" (zur Dämpfung der Investitionen) und zur Erschwerung des deutschen Exports verfolgt. Das könnte nicht ohne Einfluß auf die Unternehmensgewinne bleiben, die erstmals seit Jahren wieder zuzunehmen beginnen. Die Börsennervosität ist also begreiflich. Andererseits sorgen die jetzt vorgelegten Jahresabschlüsse für immer neue Anregungen und damit für weitere Aktienkäufer. Das gilt besonders für die drei großen Farben-Nachfolger, die zu Beginn dieser Woche einen beträchtlichen Sprung nach oben machten.

Stark beeinflußt wird die allgemeine Tendenz von den Ereignissen auf dem Markt der Erdgaswerte. Von hier aus ergoß sich bislang ein beträchtlicher Kapitalzustrom über die Börse, weil sich viele alte Aktionäre der Deutschen Erdöl AG von ihren Papieren trennten und sich gleichzeitig nach neuen Möglichkeiten umsahen. Noch fühlt sich die Masse der Aktieninteressenten nicht recht glücklich, wenn Verkaufserlöse längere Zeit auf den Konten bleiben. Ihre prompte Wiederanlage erfolgt nicht nur in anderen Erdgaswerten, sondern auch am Montanmarkt, wo die Thyssen-Gruppe eine beträchtliche Anziehungskraft ausübte.

Die anderen Marktgebiete marschierten in der letzten Woche nur am Rande mit. Auch die Bankaktien, wo die Kurse stagnierten. Der Commerzbank-Abschluß wurde in Börsenkreisen beifällig kommentiert. Da er jedoch keine Sensationen brachte, bestand keine Notwendigkeit, den Commerzbank-Kurs nach oben zu korrigieren.

Wenig ermutigend war die Entwicklung des VW-Kurses, an dem die diesjährige Aufwärtsbewegung bislang so gut wie ganz vorübergegangen ist. Schuld daran ist offenbar der Absatzausfall an VW-Transportern in den USA, der harte Wettbewerb in der Mittelklasse auf dem deutschen Markt, der, an dem 1200er nicht spurlos vorübergegangen ist und nicht zuletzt auch der leidige Prozeß der Gesellschaft mit der Zeitschrift "DM". Diese Dinge wogen bislang schwerer als die berechtigte Aussicht auf eine gute Bilanz 1963. Anfang Mai wird sie veröffentlicht werden, aber es ist anzunehmen, daß die ersten Ziffern schon früher "durchsickern". "Wenn dann der Kurs nicht steigt, tut er es nie mehr" so lautet die Prognose vieler enttäuschter Börsianer.