Kleine Kraken sind wie scheue Mädchen. Unten auf dem Grund thronen sie zwischen Geröll, gucken regungslos und sind dank ihrer Haut, die einer verkleinerten Hügellandschaft gleicht, kaum von ihrer Umgebung zu unterscheiden. Von Zeit zu Zeit gleiten ein paar Arme ins freie Wasser, die weißen Saugnäpfe leuchten; ein Krake bewegt sich ein bißchen und ruht wieder. Oben aber, dort, wo man mit kühlem Herzen auf Jagd schwimmt, fährt einem der Schreck durch die Glieder, man fängt an, mit Armen und Beinen zu rudern, steht im Wasser und schaut mit großen Augen durch die Maske auf dieses Urwesen vier Meter tiefer, peilt mit dem Dreizack, holt Luft und taucht ab. Aber so leicht läßt sich kein Krake aufspießen, ihre Haut ist ihr Schild; nur Angst bekommt er, tastet mit seinen Armen zum nächsten Spalt und kriecht hinein. Er läßt sich mit dem Spieß necken, untersucht das Metall, zuckt zurück und löst sich auf in der Dämmerung der Felslöcher. Manchmal klammert sich ein Krake am Grund fest, dann, wenn man ihn heraufholen will. Ist er groß genug, muß man aufpassen: Ein Krake, der sich zugleich am Taucher und am Felsgrund ansaugt, kann jedem die Luft ausgehen lassen.

Kraken und Schwämme, Seeigel, Muränen, Pflanzenwälder und Seesterne: das lebt unter Wasser an der jugoslawischen Küste. Dort öffnet sich ein Reservoir an Abenteuern, die ein Hieronymus Bosch nur malend erleben konnte; dort lassen sich Höhlen finden, in denen noch starre Muränenaugen das Gruseln beibringen. Aber es sind Abenteuer auf Abruf. Man kann auf den Klippen liegen und in den Horizont dösen, man spürt die Hitze, geht schwimmen und nimmt keine Notiz von der Welt unter einem. Denn für sie braucht man Schlüssel: Brille, Schnorchel, Flossen, Harpune. Wer sie nicht benutzt, steigt aus dem Ring; wer sie gebraucht, staunt und taucht zu Ahnen, deren Verwandtschaft uns nur noch die Anthropologen predigen.

Die jugoslawische Adria zählt zu den letzten Gebieten, die für Wasser- und Tauchbegeisterte rasch erreichbar und trotzdem unerschlossen sind. Der deutsche Taucherboom an die italienischen Küsten straft sich inzwischen selbst: Wer sich etwa in Elba auf der Suche nach Fischen um eine Klippe herumpirscht, trifft nur schnorchelnde Kollegen. Die Jugoslawen sind zu wenig, als daß sie die Küstengewässer füllen konnten, und die meisten Touristen verteilen sich auf Opatija, Split und Dubrovnik.

Die Küste hört aber nicht auf, wo das Salzwasser anfängt. Wie Sommersprossen liegen unzählige Inseln seewärts, viele von ihnen unbewohnt: ein kahler, gebleichter Fels voller Falten. Eidechsen und Vogelnester sind Vorposten des Landlebens. Ein Falt- oder Schlauchboot tut hier gute Dienste; ist es betakelt, um so besser. Die Steilküsten überwiegen, aber von See aus erschließen sich Buchten, in denen man die vier Wochen seines Urlaubs zum unumschränkten Herrscher wird.

Mit Expeditionserfahrung, seetüchtigem Boot und genügend nautischen Kenntnissen läßt sich im ablandigen Nachtwind Insel um Insel ansteuern. Einige Vorsicht verlangt beim Segeln auch unter Land die Bora, jener trockene Fallwind, der bei tiefblauem Himmel mit solcher Wucht seewärts bläst, daß breite Schwaden von Wasserstaub über die Wellenkämme jagen. Dagegen anzukreuzen ist schwer, das italienische Ufer ziemlich weit. Wer die Bora ein paarmal erlebt hat, beginnt sie zu riechen. Jeder Wind hat seine Lieblingszeiten; dann ist es besser, vorher zu reffen, als sich noch mit ihm einzulassen.

Auf der Suche nach den besten Tauchplätzen kommt man mit dem Wagen über einen der Pässe von Österreich hinunter nach Rijeka. Die Plätze bieten einen öden Anblick, turbulent wird es erst am späten Nachmittag. Südwärts beginnt auf der Küstenstraße ein Schauspiel, das seinesgleichen sucht: In den steil zum Meer abfallenden Fels ist die Straße nach Split eingesprengt; jede Bucht muß umfahren werden, gerade Strecken gibt es kaum. Hundert Meter tiefer das Meer, Windgassen zeichnen Spuren in die Oberfläche, ein paar dunkelgrüne Flächen deuten auf Tangwälder. Diese Straße ist vorzüglich ausgebaut und gleicht doch einem Privatweg. Über lange Zeiten kein Haus, kein Gegenverkehr, immer nur Fels und Meer in harten Farben. Manchmal fällt sie ab bis dicht zum Wasser, dann bieten sich Chancen für einen entstaubenden Ausflug zu den Fischen.

Wer mit der Dämmerung kein Quartier suchen will, kann die Luftmatratze aufblasen und sich unter eine Pinie legen; niemand wird ihn die Nacht über stören. Vorsicht allerdings vor dem Dornengestrüpp – es ist mühsam, Matratzenlöcher im Mondschein zu flicken. Schläft man zu nahe am Wasser, kriecht die Feuchtigkeit in die Kleider; gegen Morgen wacht man verklebt auf und wird über Stunden den Geruch nach Salz, Teer und Tang nicht mehr los.